9 Treue, welche heilige Scheu trage an der dargebotenen Erſcheinung willkürlich etwas zu verrücken, und die Uneigennützigkeit, die ruhig auch das ſcheinbar Unbrauchbare, Ungenügende, Unfaßbare, ja das der eigenen Neigung und Anſicht Widerſprechende gelten und an ſeinem Orte ſtehen laſſe, bis weitere Be⸗ trachtung und wiederholte, ſtille Anſchauung auch dies anfänglich ſeltſam und widerwärtig Scheinende als Glied in einer wohlgefügten Kette, als einen intergierenden Ton einer höheren Harmonie begreifen lehre. Das aber iſt die Freiheit des Intellekts. Nur wenn ſo der Intellekt gelernt hat ſich dem Dienſte des Willens zu entziehen und lediglich ſeinen eigenen Geſetzen zu folgen, iſt er frei, und nur ſo iſt die Möglichkeit einer reinen und ungetrübten Auffaſſung der Außenwelt gegeben. Die intellektuelle Freiheit iſt darum ein weſentlicher Beſtandteil der menſchlichen Freiheit überhaupt und insbeſondere der ſittlichen Freiheit, zu der wir nunmehr übergehen.—
b. Die ſittliche Freiheit. aa) Das Weſen der ſittlichen Freiheit.
Wenn man von der Freiheit ſchlechthin redet, und namentlich, wenn man von der Freiheit als einem hohen, erſtrebenswerten Gute, ja als dem Höchſten redet, was ein Menſch erreichen kann, ſo iſt damit in der Regel die Freiheit gemeint, die ſich weder auf das äußere Handeln noch auf die Denkthätigkeit beſchränkt, ſondern die ſich auf das Centrum, auf den Kern des Menſchen bezieht, auf ſein Wollen ſelbſt, die ſogenannte ſittliche Freiheit. Im Wollen äußert ſich das eigentliche und tiefſte Weſen des Menſchen, dafür iſt er verantwortlich, das iſt es, was über ſeinen Wert oder Unwert entſcheidet. Demnach kommt auch alles darauf an, daß der Menſch hier in ſeinem innerſten Kern, in ſeinem Wollen frei iſt. Denn nur alsdann iſt er wahrhaft frei.
In Wahrheit frei iſt aber nach der obigen Definition nur derjenige Menſch, der durch keinen Zwang oder Druck gehindert iſt ſeiner urſprünglichen Beſtimmung zu folgen und ſein wahres Weſen zu verwirklichen, der alſo die Fähigkeit beſitzt, ſich als ſittliche, gottebenbildliche Perſönlichkeit in ſeinem Wollen und Handeln ungehindert zu offenbaren. Nur der Wille iſt alſo frei, der nicht von außen beſtimmt wird, ſondern ſich aus ſeinem innerſten und wahrſten Weſen heraus ſelbſt beſtimmt, Selbſtbeſtimmung iſt wahre Freiheit.
In gewiſſem Sinne, namentlich im Vergleich mit der Tierwelt, iſt freilich jeder Menſch inſofern frei, als er nicht wie das Tier den blinden Trieben zu folgen braucht, die ſich im Naturgrunde ſeiner Perſönlichkeit regen und bewegen, ſondern ſchon durch eine Vernunft die Fähigkeit hat, die Nötigung der Triebe aufzuhalten durch einen bloßen Gedanken. Das Tier unterliegt dem unmittelbaren Zwang durch anſchauliche Motive; es lebt nur in der ſinnlichen Gegenwart*). Der Menſch dagegen iſt nicht bloß der anſchauenden Auffaſſung der Außenwelt fähig, ſondern vermag aus dieſer Allgemeinbegriffe zu abſtrahieren, die er mit Worten bezeichnet und mit denen er zahlloſe Kombinationen vornimmt, die das ausmachen, was man denken nennt, und wodurch das möglich wird, was dann die weiteren Vorzüge des Menſchen⸗ geſchlechts ausmacht: Sprache, Beſonnenheit, Rückblick auf das Vergangene, Sorge für das Künftige, Abſicht, Vorſatz, planmäßiges gemeinſames Handeln vieler Staat, Wiſſenſchaften, Künſte u. ſ. w. Die Sprache hat Max Müller mit Recht als den Rubikon bezeichnet, der das Tierleben vom Menſchenleben trennt; es iſt die Fähigkeit nicht anſchauliche, abſtrakte allgemeine Vorſtellungen, mit einem Worte Be— griffe zu haben; eine Gabe, die dem Menſchen eignet, deren aber die Tiere ſämtlich entbehren. Sie
) Das Folgende nach Schopenhauer, Die beiden Grundprobleme der Ethik. I. über die Freiheit des
Willens.— Sämtl. Werke, herausgegeben von J. Frauenſtädt. 4. Ad. Leipzig 1874. 2
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