ſich das Urteil. Davon iſt niemand ganz frei. Nur zu leicht iſt unſere Anſchauung ſubjektiv gefärbt und entſtellt. Sind wir glücklich, ſo hat die Welt für uns eine heitere Farbe und lachende Geſtalt; drückt uns ein Kummer, dann erſcheint ſie uns trübe und düſter. Wer uns ſchmeichelt, erſcheint uns leicht als der Liebenswürdigſte und Scharfſinnigſte aller Sterblichen; was unſerm Vorteil gemäß iſt, erſcheint uns als billig, gerecht und vernünftig. Wie oft belügen wir uns, wo Hoffnung uns beſticht, Furcht uns bethört, Argwohn uns quält, Eitelkeit uns ſchmeichelt, eine Hypotheſe uns verblendet. So trübt die geringſte Gemüts⸗ bewegung ſofort die Spiegelfläche des Intellekts und läßt nur verzerrte Bilder auf ihr erſcheinen; nur ein ruhiger See ſpiegelt die Objekte klar wieder. Darum darf auch niemand in eigener Sache Richter ſein. Sobald unſere perſönlichen Intereſſen ins Spiel kommen, iſt uns ein richtiges Urteil ſo ſchwer, wie das Leſen eines Briefes beim Lichte einer Fackel, das vom Winde hin und her bewegt wird. Giebt es doch Menſchen, die überhaupt bei allem, was geſagt wird, ſogleich an ſich denken, und jede zufällige, noch ſo entfernte Beziehung auf irgend etwas ihnen Perſönliches nimmt ihre ganze Aufmerkſamkeit ſo in Anſpruch, daß ſie für den objektiven Gegenſtand der Rede keine Faſſungskraft übrig behalten. Sie fühlen ſich überall getroffen, verletzt, gekränkt, beleidigÄt. Wenn die Subjektivität in dieſer Weiſe ſich vordrängt, ſo kann natürlich von einer rein ſachlichen, objektiven Erkenntnis keine Rede ſein, es gilt: quae volumus, credimus libenter, der Intellekt wird vom Willen beherrſcht und ſteht in ſeinem Dienſt.
Das Gegenteil davon iſt aber die intellektuelle Freiheit. Auch ſie iſt inſofern in der weiter unten zu behandelnden ſittlichen Freiheit enthalten, als ſie erſt Wirklichkeit hat in dem, der die Selbſtverleugnung beſitzt von dem perſönlichen Intereſſe abzuſehen, ſein individuelles Ich mit ſeinen Sorgen, Wünſchen und Hoffnungen, mit ſeiner Liebe und ſeinem Haß zu vergeſſen, und unbefangen und vorurteilslos ſich den Dingen hinzugeben, ihnen mit Liebe ſich zu öffnen, und ſie ruhig und ſtill zu ſich reden und auf ſich wirken zu laſſen. Zu der intellektuellen Freiheit ſich durchzuringen iſt eine ſittliche Aufgabe. Frei werden müſſen wir von der Ungeduld, welche den Erſcheinungen der Welt ihre eigenen Ge⸗ danken voranlaufen läßt und die Objekte meiſtert, ohne ſie gründlich zu kennen, ſie verwirft, ohne ſie begriffen zu haben; wir müſſen frei werden von dem Egoismus, der die Dinge nur ſich ſelbſt, nur ſeiner zufälligen Neigung und Bildung gerecht machen will, von dem Eigenſinn, der die Erſcheinung nur ſo haben will, wie er ſie ſich ſelbſt gedacht hat. Zu ſolch objektiver, vorurteilsloſer und uneigennütziger Auffaſſung der Dinge erzieht uns auch beſonders die Kunſt. Denn gerade darum wirkt ein echtes Kunſtwerk ſo wohlthuend und beruhigend auf unſer Gemüt, weil es aus einem ruhigen, willens- und abſichts⸗ loſen Gemütszuſtand geboren iſt. In ſeine Anſchauung verſunken ſind wir nicht mehr dieſes Individunm mit den beſtimmten Sorgen, ÄAngſten, Hoffnungen und Wünſchen, ſondern nur noch reines Subjekt des Erkennens. So hebt uns die Kunſt heraus aus dem endloſen Strome des Wollens, befreit uns von den Affekten und Leidenſchaften, die in uns tobten, und giebt uns damit uns ſelbſt wieder zurück. Daher die reinigende, heiligende, verklärende Macht, die ſie auf uns ausübt. Der Sturm der Leidenſchaften iſt auf wundervolle Art ibeſchwichtigt. Es iſt die erhabene Ruhe des Weltherrſchers, die aus den Werken des echten Genies ſo wohlthuend auf uns einwirkt. Die Art, wie das Genie ſich zur Welt ſtellt, iſt namentlich zu ſehen an Goethe*). Vilmar vergleicht ihn im Hinblick auf die Objektivität und Unbefangenheit der Anſchauung mit einem milden, klaren, durchſichtigen Strom, der ruhig hinabfließt durch die Gefilde, Blumen, Gebüſch und wildes Geſtrüpp des Ufers, heitere Auen und kahle Hügel, an denen er vorbei ſtrömt, in gleicher Wahrheit und gleicher Ruhe wiederſpiegelt. Er rühmt als vorbildlich an ihm die
*) Vergl. hierzu A. F. C. Vilmar, Geſchichte der deutſchen Nationallitteratur.— Derſelbe, Theologiſche Moral. 2 Bde. Güterslohe 1871.(II. S. 27 f.)


