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Eine jede vorhandene Kraft— einerlei ob vor einer höheren Anſchauung berechtigt oder nicht— verlangt Spielraum für ihre Bethätigung. Hat ſie dieſen, ſo fühlt ſie ſich frei, mehr verlangt ſie nicht. Wo die Natur von Haus aus eine Fähigkeit, eine Kraft einem Weſen nicht verliehen hat, bedarf es auch keiner Freiheit für ſolche Kraft, und das Nichtvorhandenſein der Kraft wird nicht als Unfreiheit empfunden. Der Fiſch, der„ſo wohlig“ im Waſſer plätſchert, macht ſich keine Sorgen darum, daß ihm das Fliegen verſagt bleibt.
Ein anderes iſt nun die Frage, ob ein ſolches Verlangen nach uneingeſchränkter Bethätigung, wie es einer jeden Kraft innewohnt und wie es beſonders alle lebenden Weſen mit zwingender Gewalt beherrſcht, ein berechtigtes iſt und ob überhaupt eine Befriedigung möglich und denkbar iſt. Dies iſt jedoch keineswegs der Fall. Ein oberflächlicher Blick in das Leben zeigt uns, daß ein geordnetes Zu⸗ ſammenleben nur möglich iſt, wenn ſich jede Kraft eine Beſchränkung ihrer Freiheit zu Gunſten des Ganzen gefallen läßt. Da ſich in dieſe Welt unzählige Weſen teilen müſſen und ihre Intereſſen vielfach einander diametral entgegengeſetzt ſind, ſo iſt die Freiheit des einen ſtets auch verbunden mit der Unfreiheit des andern. Die Freiheit des Wolfes iſt die Unfreiheit der Schafe; die Freiheit des Habichts iſt die Unfreiheit der Taube; die Freiheit des Verbrechers iſt die Unfreiheit der menſchlichen Geſellſchaft u. ſ. f. So giebt es denn in Wirklichkeit kein Weſen, das ſich in aller und jeder Beziehung frei, alſo im Gebrauch ſeiner Kräfte und Fähigkeiten, in der Entfaltung ſeiner Lebensthätigkeit ungehemmt fühlte.
Alle Weſen haben unter einem fremden Zwang, unter einem Druck zu leiden, der ſie hindert zu ſein, was ſie ihrer Beſtimmung nach ſein ſollen. Dieſer Druck iſt ſo allgemein und laſtet ſo ſchwer auf allen Weſen, daß ſich ſchon daraus die ungeteilte und allgemeine Begeiſterung erklären läßt, die der Ruf „Freiheit“ in jeder Bruſt wachruft. Es giebt kaum einen Schlachtruf, der ſo allgemein zündet, kaum eine Loſung, die ſo die widerſtrebendſten Intereſſen auf ſich vereinigt, wie das Wort Freiheit.„Freiheit! ruft die Vernunft, Freiheit! die wilde Begierde“. Kein zweiter Begriff eignet ſich auch ſo dazu, zum Deckmantel für die verſchiedenſten Beſtrebungen zu dienen; eben weil er als rein negativer und relativer Begriff jedes beſtimmten Inhaltes bar iſt, mithin ein leeres Blatt, auf das jeder ſchreibt, was ihm beliebt. Wer nichts als das leere Wort„Freiheit“ auf ſeine Fahne ſchreibt, darf ſich nicht wundern, wenn ſich eine ſehr bunt zuſammengewürfelte Maſſe um ſie ſchart, Leute, die nichts miteinander gemein haben, als daß ſie alle— jeder für ſeine Beſtrebung, mag ſie auch noch ſo verkehrt und unberechtigt ſein— Freiheit verlangen. Jeder hat ja das Recht, dieſen an und für ſich leeren Begriff in ſeiner Weiſe mit Inhalt zu füllen. Selbſtverſtändlich würde dieſer rein negative und inhaltsleere Begriff Freiheit, Abweſenheit eines Hemmenden, uns nimmermehr in ſolchem Strahlenglanze erſcheinen und ſo viel Enthuſias⸗ mus erwecken können, wenn nicht die Unfreiheit Regel wäre. Iſt es doch ein bekanntes Geſetz, daß die Menſchen am meiſten von dem ſprechen, was ſie nicht haben, wie denn die ſehnſuchtsvollſten Frühlingslieder dem Winter und die Freiheitslieder der Gefangenſchaft ihre Entſtehung verdanken. Gerade die größten Güter, Geſundheit, Jugend und Freiheit, lernen wir in ihrem wahren Werte erſt kennen, wenn wir ſie verloren haben. Wären ſie die Regel, es würde niemand viel Aufhebens von ihnen machen, als Güter würden ſie nicht empfunden; ſo wie man ja auch Herz, Magen und die anderen Organe nur fühlt, wenn ſie krank ſind.
Weiteres läßt ſich über den Begriff der Freiheit nicht ſagen, ſein Inhalt iſt mit der Definition „Abweſenheit eines Hemmenden, Hindernden“ völlig erſchöpft. Welcher Druck, welches Hindernis, welcher Zwang durch den Begriff als abweſend gedacht werden ſoll, hängt von dem Gegenſtand ab, dem das Prädikat„frei“ zugeſprochen wird. Je einfacher das Weſen iſt, dem die Freiheit zuerkannt wird. deſto geringer auch der Umfang von Kräften und Eigenſchaften, mit Bezug auf welche es frei iſt. Je


