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Zu denjenigen Begriffen aber, die täglich gebraucht und oft in ganz entgegengeſetztem Sinne verſtanden werden, durch deren Unklarheit die Verſtändigung oft ſo erſchwert, wo nicht ganz unmöglich gemacht wird, gehört auch namentlich der Begriff der Freiheit.„Das Wort Freiheit, ſagt Göring'), iſt eins von denjenigen, welche in der Praxis des täglichen Lebens, wie auch in der Viſſenſchaft ſehr häufig. angewandt werden, ohne daß die nötige Klarheit über ſeine eigentliche Bedeutung und Ausdehnung ver⸗ breitet iſt. Gerade die Geläufigkeit desſelben erweckt, wie bei allem Gewohnten, das ja eo ipso für be⸗ kannt gehalten wird, den üblichen Irrtum, daß der Begriff Freiheit ein der näheren Unterſuchung nicht: bedürftiger ſei. Dies hat natürlich zur Folge, daß er nicht nur in den verſchiedenſten Gebieten, ſondern, worin erſt ſein Mißbrauch beſteht, auch in den mannigfaltigſten Bedeutungen gebraucht wird.“ Wenn ſomit die Unterſuchung des Begriffes Freiheit keiner weiteren Rechtfertigung bedarf, dieſer Begriff vielmehr ſchon im allgemeinen als vorzugsweiſe der Aufklärung bedürftig ſich darſtellt, ſo bietet der Unterricht im Deutſchen wie in der Religionslehre demjenigen Lehrer, der ihn erteilt, noch eine ganz beſondere Veran⸗ laſſung, zunächſt ſich ſelbſt über den Begriff der Freiheit klar zu werden, dann aber auch auf Grund deſſen die Schüler über denſelben aufzuklären.
Dem Lehrer des Deutſchen und insbeſondere dem Lehrer der Religion, der ſich und andere über den vielumſtrittenen Begriff der Freiheit, und ſpeziell der menſchlichen Freiheit, orientieren möchte, aber nicht die Zeit hat, alle hierbei in Betracht kommenden Fragen im einzelnen zu verfolgen, das er⸗ forderliche Material zur Hand zu ſchaffen und zu ſichten und ihm dadurch eine ſelbſtändige Stellung⸗ nahme zu den Problemen zu erleichtern— dies und nichts anderes iſt zunächſt der Zweck der nach⸗ folgenden Abhandlung. Wenn ſie namentlich dem einen oder anderen dazu dienen ſollte, ihm nicht etwa alle Schwierigkeiten, die der Begriff für unſer Denken hat, zu beſeitigen, ſondern nur den Punkt aufzu⸗ zeigen, wo die Schwierigkeiten liegen, und das Gebiet zu umſchreiben, auf dem das Problem liegt, ſo daß er ſich klar wird über die Frageſtellung, von der hier alles abhängt, ſo iſt die Arbeit reichlich belohnt.
Es ſind alte und vielverhandelte, auch in jüngſter Zeit wieder mehrfach von philoſophiſcher wie von theologiſcher Seite zur Debatte geſtellte Fragen, die im folgenden zur Beſprechung kommen werden, Probleme, an denen ſich die ſcharfſinnigſten Denker, die gewaltigſten Geiſter aller Zeiten und aller Nationen ſchon abgemüht haben, ohne ihrer je vollſtändig Herr zu werden. Schon darum iſt es leicht begreiflich, wenn auch dieſe Abhandlung weder den Anſpruch erhebt zu der ſo vielfach, ſo allſeitig und gründlich erörterten Frage der Willensfreiheit irgend etwas Neues, noch nie Geſagtes und ganz Originelles beizu⸗ bringen, noch überhaupt eine völlige Löſung des in Rede ſtehenden Problems bieten will. Gleichwohl iſt eine feſte und entſchiedene Stellungnahme in dem Streit um die Willensfreiheit notwendig; und es ſei darum ſchon gleich an dieſer Stelle bemerkt, daß das Reſultat, zu dem die Abhandlung den Leſer hinzuleiten gedenkt, der Determinismus iſt.
Die Freiheit iſt aber ein Begriff, an dem Philoſophie und Theologie gleichmäßig beteiligt und intereſſiert ſind. Die Philoſophie wirft die Frage auf, die Religion beantwortet ſie. Die Philoſophie umſchreibt das Problem, das ſie mit ihren Mitteln nicht zu löſen im ſtande iſt; auf dem Boden der Religion allein aber iſt eine Löſung des Problems denkbar. So wird die Unterſuchung des Freiheits⸗ begriffes am letzten Ende zu dem Nachweis führen, daß, wie überhaupt das wahrhaft Humane, ſo auch die menſchliche Freiheit erſt im chriſtlichen Glauben zu ihrer Verwirklichung und zu ihrer Vollendung kommt. Im chriſtlichen Glauben iſt das unſerm Denken faſt unlösbar erſcheinende Problem, wie ſich die durchgängige Beſtimntheit des Willens mit dem unleugbaren Gefühl der Freiheit vereinigen laſſe, praktiſch
*) C. Göring, über die nehſgliihs Freiheit und Zurechnungsfähigkeit. Eine kritiſche Unterſuchung. Leipzig 1876.


