Die menſchliche Freiheit und ihre Beziehung zum chriſtlichen Glauben.
Motto:„So euch nun der Sohn frei macht, ſo ſeid ihr recht frei.“ Joh. 8, 36.
Einleitung.
Wie bekannt, iſt durch die„Lehrpläne für die höheren Schulen vom 31. März 1882“ ſowohl im Deutſchen der ſyſtematiſche Unterricht in Logik, Pſychologie oder Äſthetik als auch in der Religions⸗ lehre die Einführung in ein Syſtem der Ethik oder Dogmatik als den Zielen und Aufgaben des Gym⸗ naſialunterrichtes fernliegend mit Recht ausgeſchloſſen. Gleichwohl wird weder der Lehrer des Deutſchen noch der der Religion darauf verzichten können, einzelne logiſche, pſychologiſche, äſthetiſche, ethiſche oder dogmatiſche Grundbegriffe, die gewiſſermaßen den eiſernen Beſtand unſeres Begriffsvorrates bilden, und durch deren falſche oder halbrichtige und ſchiefe Anwendung ſo viel Verwirrung angerichtet wird, zu voller Klarheit und Deutlichkeit zu entwickeln, ihre Herkunft, ihren Wert und ihre Bedeutung den Schülern dar⸗ zulegen und dadurch feſte Markſteine zu errichten, an denen dieſe ſich im Gewirre der Meinungen immer wieder zu orientieren und zurechtzufinden vermögen. Und wenn es das Zeichen eines gebildeten Mannes iſt, daß er weiß, was er thut, und ſich Rechenſchaft giebt über das, was er thut, ſo iſt es auch die erſte und vornehmſte Pflicht jedes Gebildeten ſich Klarheit zu verſchaffen über Inhalt und Umfang, Bedeutung und Giltigkeit der Begriffe, die er täglich im Munde führt. Denn, wie Lehmann im Eingang ſeiner ver⸗ dienſtvollen Abhandlung*) über das Problem der Willensfreiheit bemerkt, in jenen Begriffen liegt oft eine ganze Weltanſchauung, mitunter„ein ganzer Rattenkönig verworrenſter und zum Teil entgegengeſetzteſter Weltanſchauungen, die meiſt zwar nur im Zwielicht des Halbbewußtſeins umherſpuken, nichts deſtoweniger aber eine bedeutende Macht über die Köpfe der Menſchen beſitzen. Gerade diejenigen, welche über die ‚metaphyſiſchen Hirngeſpinſte“ am ärgſten ſchreien, haben oft kaum eine Ahnung davon, welch tolle Meta⸗ phyſik ſie ſelbſt in ihre täglich im Munde geführten Begriffe eingekapſelt haben. Da kommt es der Erkenntnistheorie zu, das Amt einer Begriffspolizei zu üben, die Begriffe über Namen, Herkommen, Ver⸗ wandtſchaft, Berechtigung ſcharf zu verhören und nur diejenigen, die ſich genügend ausweiſen können, zum wiſſenſchaftlichen Verkehr zuzulaſſen. Sind doch unter den Begriffen viele dunkle Ehrenmänner, auch gar manche, die unter falſcher Flagge ſegeln, auch andere, die da Schmuggelgut— heimlich untergeſchobene fremde Begriffe— bei ſich führen.“
*) O. Lehmann, Das Problem der Willensfreiheit. Duderſtadt 1887.(Beilage zum Oſterprogramm.) 1


