Aufsatz 
Zwei Festreden
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

Fürwahr ein grossartiges Schauspiel, das einen jeden aufs tiefste ergreifen muss!

Liebe Schüler, hier tritt uns wieder so recht lebhaft in einem Beispiel, das Schauer der Bewunderung in uns erweckt, die Pflichttreue vor Augen, welche in so hohem Masse das deutsche Heer und die deutsche Marine beherrscht. Ich will gewiss nicht behaupten, dass in anderen Nationen und anderen Heeren kein Ptlichtgefühl lebendig sei; aber das glaube ich kühnlich sagen zu können, dass es bei keinem anderen Volke so stark ist und vor allen Dingen so all- gemein die Mannschaft beseelt wie gerade bei uns in Deutschland. Darin liegt aber unsere grösste Stärke, und möge Gott im Himmel es geben, dass es so bleibe durch alle Zeiten!

Auch in dem grossen Kriege von 1870 und 71 hat die Mannschaft der deutschen Heere dieses Pflichtgefühl und diese Pflichttreue tausend- und tausendfältig bewiesen. Nicht nur im tapferen Kämpfen geschah dieses, nicht nur im standhaften, furchtlosen Streiten in mörderischer Schlacht, nein, auch im tapferen Dulden, im standhaften Ertragen andauernder Beschwerden, Leiden und Entbehrungen. Dazu gehörte oft genug mehr Mut. mehr Liebe, mehr Pflichtgefühl und Treue als zum tapfersten Dreinschlagen. Und auch dabei haben unsere Truppen sich bewährt und in treuer Pflichterfüllung das Schwerste geduldig ertragen, alle Mannen unserer Heere, von den obersten Führern ab, den greisen König Wilhelm an der Spitze, bis hinunter zum einfachen Soldaten im Glied.

Ganz unsäglich sind oft die Beschwerden und Entbehrungen gewesen, diese nicht enden wollenden Plagen und Leiden, die Not und das Elend. Welche Beschwerden hatten die Truppen oft schon bei den Märschen zu erdulden. Gar häufig war es von hôchster Wichtigkeit, die Regimenter mit grösster Eile nach weit entfernten Plätzen zu lenken, und da ging es in Eil- märschen vorwärts vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht hinein. Wohl manchen verliessen da die Kräfte, so dass er zurückbleiben musste: aber sobald es anging, eilte er nach, um so rasch als möglich wieder zu seiner Truppe zu stossen. Und oft genug geschah es auch, dass die Mannschaft, die sich nach schier endlosem Marsche kaum mehr auf den Beinen halten konnte, unmittelbar nach ihrer Ankunft auf dem Schlachtfeld in die schwersten Kämpfe mit eingreifen musste. Aber dann war alle Müdigkeit vergessen, und hinein ging es in den Kampf. als käme man eben erst aus dem Quartier.

So sagt uns ein Bericht über die am 16. August 1870 geschlagene so überaus blutige Schlacht bei Vionville-Mars la Tour:Zum Beistand durch die 5. Division aufgefordert, hat sich die 32. Brigade des VIII. Korps, trotz Ermüdung nach langem Marsch 6 Meilen hatte sie nämlich schon zurückgelegt von der Mosel her über Arry in Bewegung gesetzt. Ihr schloss sich das Regiment No. 12 an, und nachdem bereits drei Batterieen in Wirksamkeit getreten, war diese Abteilung um 5 Uhr am Ausgang des Waldes von St. Arnould erschienen. Sie ging als- bald zum Angriff auf die Höhe von Maison blanche vor,.... Es hat diese, wie wir hörten, schon sehr ermüdete Brigade, die nach einer kurzen Nachtruhe von 2 bis höchstens 4 Stunden seit 5 Uhr morgens im Marsch gewesen war, noch 3 Stunden bei recht schwierigen Boden- verhältnissen marschieren müssen, ehe sie in den Kampf mit eingreifen konnte. Aber da hatte die Müdigkeit keine Macht mehr über die Mannschaften; dreimal gingen sie im heftigen Angriff gegen die jene Höhe haltenden Franzosen vor und halfen hier, an sehr gefährdeter Stelle, den Sieg sichern.

Ebenso war nachmittags 3 Uhr die Brigade des Generals v. W9edell nach sehr beschwerlichem 10stündigen Marsch auf dem Schlachtfelde angekommen und gedachte kurze Rast zu machen.