Aufsatz 
Zwei Festreden
Entstehung
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indem derselbe, nachdem er den Ruhm Frankreichs in seinem grossen Geschichtswerke ver- herrlicht hatte, nun durch neue Eroberungen diesen Ruhm zu erneuern und zu vergrössern gedachte. Durch Vorspiegelungen und Versprechungen mancherlei Art suchte man in Deutsch- land selbst Mithelfer für die Verwirklichung der Pläne. Damit aber wurde eine gerade entgegen- gesetzte Wirkung erzielt. Es war doch seit den Jahren der Erhebung im Anfange dieses Jahr- hunderts im deutschen Volke das Vaterlandsgefühl allzu lebhaft geworden, als dass es so leicht wieder hätte zum Ersterben gebracht werden können, und so erweckten die Gelüste der Franzosen im deutschen Volke nur Unmut und Entrüstung, die sich erst nur leise und vereinzelt, bald aber lauter und mächtiger und allgemeiner geltend machten. Den zündenden Funken in die damals durch Deutschland gehende Bewegung warf aber ein einfaches Lied, das dieselbe sich zur lebendigsten Bethätigung entflammen liess und eine vaterländische Begeisterung entfachte, wie sie seit der Zeit der Befreiungskriege nicht erlebt worden war. Es kam aus deutschem Herzen und sprach aus, was alle empfanden; und waren es auch einfache, kunstlosere Verse, so sprachen sie doch zum Herzen; den Gedanken und Empfindungen waren Worte geliehen; es war der richtige Ausdruck gefunden, und so währte es auch nicht lange, da sang man überall in Deutschland das Rhein-Lied des Kölner Niklas Becker:

Sie sollen ihn nicht haben, So lang' in seinem Strome

Den freien, deutschen Rhein, Ob sie wie gier'ge Raben Sich heiser danach schrein.

So lang' er ruhig wallend Sein grünes Kleid noch trägt, So lang' ein Ruder schallend In seine Wogen schlägt.

Sie sollen ihn nicht haben, Den freien, deutschen Rhein. So lang' sich Herzen laben An seinem Feuerwein,

Noch fest die Felsen stehn, So lang' sich hohe Dome In seinem Spiegel sehn.

Sie sollen ihn nicht haben, Den freien, deutschen Rhein, So lang' dort kühne Knaben Um schlanke Dirnen frei'n,

So lang' die Flosse hebet Ein Fisch auf seinem Grund, So lang' ein Lied noch lebet In seiner Sänger Mund.

Sie sollen ihn nicht haben, Den freien, deutschen Rhein, Bis seine Flut begraben Des letzten Manns Gebein.

So hallte es durch Deutschland wieder; so klang das Wort von Ort zu Ort; den Deutschen ward's das Lied der Lieder und tönte drohend fort und fort. Die Franzosen aber merkten gar bald, dass es mit ihren Hoffnungen nichts sei, dass sie nicht so gar leichten Kaufes die Länder, nach denen sie gierig ausgeschaut, für sich gewinnen könnten. Wie der Arger darüber in ihnen kochte, das können wir noch heute lesen in dem Sang eines der Besten unter den Franzosen, in einem Liede Alfreds de Musset, welches er als eine Antwort auf das berühmte Beckersche Rheinlied bezeichnete. Auch in dem Sange dieses namhaften Dichters spiegelt sich die den