Aufsatz 
Zwei Festreden
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ö

Gedächtnisrede zum Geburtstag von Kaiser Wilhelm J.

am 22. März 1889.

nebst einem Festgedicht.

.

Liebe Schüler! Wenn naturgemässerweise der vor zwei Wochen von uns begangenen Gedenkfeier die Trauer um den Geschiedenen vornehmlich ihre Färbung gab, so werden wir heute namentlich daran erinnert, welches Geschenk dem preussischen und dem gesamten deutschen Volke durch die Geburt des nachmaligen Kaisers Wilhelm geworden. Heute werden wir mit freudigen und dankbaren Empfindungen alles dessen gedenken, was der von uns Geschiedene während seiner so segensreichen Regierung gethan hat. Ileute wollen wir nicht trauern um seinen Tod, sondern dankbaren Herzens uns des freuen, dass Gott ihm ein so langes, reiches Leben und ein so rüstiges Alter beschert hat.

Es ist euch, ihr lieben Schüler, in unserer neulichen Gedenkfeier in grossen Zügen das Leben des erhabenen Monarchen vor eurem geistigen Auge vorübergeführt worden. Ihr wurdet an die Grossthaten erinnert, welche unter seiner Regierung und vielfach unter seiner Führung die preussischen und deutschen Ileere vollbrachten. Ihr seid auf das ganze so segensreiche Wirken dieses grossen Fürsten hingewiesen worden. Es wurde endlich in seinen Hauptzügen das Charakterbild des Vielgefeierten vor euch aufgerollt.

Ich möchte heute nur einen einzigen Punkt herausgreifen, um uns so recht lebendig vor Augen zu führen, wie sehr wir Grund haben diesen Geburtstag mit freudigen Empfindungen zu begehen. Ich mõöchte heute nur an einem Zuge in dem Charakter Kaiser Wilhelms zeigen, welchen edelgesinnten, warmherzigen, echt deutsch denkenden Fürsten wir in ihm besassen.

Es war gegen das Jahr 1840, als in unserem Nachbarland Frankreich erneut die Gelüste wach wurden alle deutschen Länder links des Rheins an Frankreich zu bringen, unsern lieben deutschen Rhein zur Grenze zwischen Deutschland und Frankreich zu machen. Wie es vor langen Zeiten Frankreich gelungen war, den Elsass und Lothringen Deutschland zu rauben und die französische Grenze bis an den Oberrhein vorzurücken, so hätte man gar zu gern auch weiter und weiter nordwärts die Grenze vorgeschoben und die schönen linksrheinischen Lande zu französischem Gebiet gemacht. Besonders war es der damalige Minister Louis Philipps, der bekannte Geschichtsschreiber Thiers, der diesen Plan zur Wirklichkeit zu machen wünschte,

1*