Aufsatz 
1) Beschreibung des Schulgebäudes. 2) Bericht über die Einweihungsfeier
Entstehung
Einzelbild herunterladen

So steht denn das Haus vollendet, nicht als ein Prunkbau, sondern schlicht und einfach, aber würdig und zweckentsprechend in seiner äusseren Gestaltung wie in seinen inneren Einrichtungen. Der jungen Anstalt, ihren Lehrern und Schülern, die Glück- und Segenswünsche des Provinzialschulkollegiums und die meinigen zu ihrem Einzug in die neue Heimstätte auszusprechen, ist mir ein freudig empfundenes Bedürfnis. Möge sie als das jüngste Glied der humanistischen Anstalten in dieser Stadt würdig an die Seite ihrer älteren Schwestern treten und in stetiger, zielbewusster Arbeit ihren Ausbau zu einer Vollanstalt vollenden. Möge in diesen Räumen allzeit der Geist vorbildlicher Pflichttreue und hingebender Berufsfreudigkeit walten, der dem hohen Ziele zustrebt, die ihm anvertraute Jugend nicht nur in ernster erzieherischer Arbeit mit einer edlen, Ver- gangenheit und Gegenwart zusammenschliessenden Bildung auszurüsten und sie für ihren künftigen Lebensberuf tüchtig zu machen, sondern ihr auch die Herzensbildung und den Idealismus mit auf den Weg zu geben, der aller Lebensarbeit, allem Tun und Streben erst die rechte Weihe und die freudige Zuversicht des Erfolges bietet. Möge sie dabei die verständnisvolle Mitwirkung der Eltern finden, denn nur wo Schule und Haus sich die Hand reichen, kann das Erziehungswerk volle Frucht bringen. Möge in diesem Hause eine Jugend heran- wachsen, die einst, zu Männern gereift, durch Tüchtigkeit des Könnens, durch Festigkeit des Charakters und durch die Lauterkeit der Gesinnung die grossen Aufgaben zu erfüllen imstande ist, die im Leben unsres Volkes im Innern wie nach aussen an uns herantreten, und dem Vaterlande die Stellung zu wahren weiss, die es sich im geistigen Schaffen wie im wirtschaftlichen Wettbewerb der Völker errungen hat. Möge über dieser jungen Anstalt, dem Wirken ihrer Lehrer und dem Streben ihrer Schüler, allezeit Gottes Segen walten und ihrer Arbeit reicher Erfolg beschieden sein!

Es folgte dann die Ansprache des Leiters der Anstalt Dr. Bieber, der nach einigen Worten der Einleitung folgendes ausführte:

Unter allen Gefühlen, die uns in dieser Weihestunde beseelen, verlangt keines so gebieterisch Ausdruck als das Gefühl aufrichtigster Dankbarkeit. Ehrerbietigen Dank schulden wir vor allem den hohen Staatsbehörden, insbesondere der Unterrichtsverwaltung, die unsrer Arbeit eine so herrliche Stätte geschaffen hat. Wie müssen wir uns im innersten Herzen verpflichtet fühlen, unsre Dankbarkeit stets aufs neue durch die Tat zu bewähren, indem wir unsre ganze Kraft gewissenhaft in den Dienst der hohen und schönen Aufgabe stellen, die uns an- vertraute Jugend im rechten Geiste zu erziehen. Innigster Dank gebührt ferner der Bauverwaltung, die den Plan so zweckmässig erdacht, so sorgfältig ausgeführt und das Gebäude mit so viel Liebe ausgestattet, ausgeschmückt hat, ein Ansporn für uns, es mit gleicher Liebe zu pflegen und zu erhalten. Aufrichtigen Dank schulden wir nicht zuletzt der Stadt Frankfurt, ihrem hohen Magistrate und der Vertretung ihrer Bürger- schaft. Seine Exzellenz der Herr Oberpräsident hat dem Dank der Staatsregierung bereits Ausdruck gegeben, mich drängt es als Leiter der Schule auch im Namen der Anstalt den wärmsten Dank auszusprechen auch dafür, dass wir 2 ½ Jahre lang die Gastfreundschaft der Stadt Frankfurt geniessen durften, sodass wir nun bereits mit 3 Klassen das eigne Gebäude beziehen können. Der nie versagenden Liebenswürdigkeit des Herrn Direktors Dr. Bojunga aber und dem freundlichen Entgegenkommen seines Kollegiums verdanken wir es, dass wir uns in dieser Zeit in der schönen Schillerschule wie zu Hause fühlen durften, dass sich dort schon jenes Gefühl der Zusammengehörigkeit unter Schülern und Klassen bilden konnte, welches für das innere Leben einer Schule von so hoher Bedeutung ist.

Es ist ein erfreuliches Zeichen für die Stärke dieses Gefühles, dass es in diesen Tagen auch äusserlich zum Ausdruck kommen wollte. Aus einer Sammlung, die die Schüler unter sich veranstaltet haben, ist mir eine Summe übergeben worden, für die ein Bild zum Schmucke der neuen Schule beschafft werden soll. Wir begrüssen dankbar die Gabe, noch mehr aber die Gesinnung, aus der sie gespendet worden ist; ist sie doch ein Beweis für die Anhänglichkeit, die die Schüler mit ihrer Schule verbindet; vor allem aber entnehmen wir daraus, dass sie ihr eigenes Schulhaus hüten und hegen wollen; denn was man schön zu schmücken bereit ist, wird man auch schön zu erhalten bedacht sein. Mit äusserem Schmucke freilich, ihr wisst es wohl, liebe Schüler, ist's noch nicht getan. Eine edle Römerin rief einst, als eine Freundin sich mit kostbarem Geschmeide brüstete, ihre trefflichen Söhne herbei und sagte stolz: Das ist mein Schmuck! Sorgt dafür, dass auch von euch dereinst eure Schule mit ähnlichem Stolze sagen kann: Das ist mein Schmuck! Für euch, für die Schüler ist ja dieser Bau geschaffen. Eurem Wohle, dem körperlichen wie dem geistigen, gilt die Arbeit, die

6