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Vermöge seiner ungeheuren Willenskraft fühlt er sich über die ge- wöhnlichen Menschen erhaben, und achtet ihre sittlichen Gesetze gering; der vermessene Ehrgeiz glaubt an einen Stern, der ihm allein leuchtet,„dem hellgebornen, heitern Joviskinde“; in seiner masslosen Selbstüberhebung will er in der tieferen Einsicht in den Zusammenhang der Dinge seiner Umgebuug
überlegen sein, und doch ist er unter lauter Sehenden der einzige Blinde. Du red'st, wie du's verstehst. Du kanust in die Geheimnisse nicht schauden.
In seiner Verblendung glaubt er, mit den Mächten des Lebens spielen zu können, und wird selbst ihr Spielball. So lebt Wallenstein dahin, wie in einem schauerlichen Wahnsinn, vertraut sein Schicksal im entscheidenden Au- genblicke seinem schlimmsten Feinde, und bereitet sich seinen Fall.
Dadurch also, dass Wallenstein im Gefühle seiner Macht die heiligsten Bande der Pflicht ungestraft glaubt zerreissen zu können, geräth er in Conflikt mit der moralischen Weltordnung, geht durch diese unwiderstehliche Macht zu Grunde, und wird so ein tragischer Character.
Die Arbeit des Drama schritt, theils der Schwierigkeiteu wegen, theils weil Schiller durch anderweitige Beschäftigungen, sowie durch Kränklichkeit gehindert werd, nur langsam vorwärts. Göthe wirkte fördernd darauf ein, und auf seinen Rat wurde die Exposition zu einem besondern Schauspiel: „Die Piccolomini“.
Das Vorspiel führte man am 12. October 1798 zur Feier der Wie- dereröffaung des Weimarer Tneaters zum ersten Male unter grossem Beifall auf; im März 1799 wurde auch„Wallensteins Tod“ beendet, und war somit das ganze dramatische Gedicht fertig.
Das Lager,„dieses herrlichste Kleinod der dramatischen Thältigkeit unseres Dichters“, hängt mit der eigentlichen Handlung nur insoweit zusammen, als wir schon von der Forderung des kaiserlichen Gesandten hören, dass 8000 Reiter vom Heere Wallensteins den Kardinalinfanten nach den Niederlanden be- gleiten sollen, welche Forderung noch vor der Audienz Questenbergs zu den
¹Ohren der Soldaten kommt, und gegen welche sie mit einer Bittschrift, die
durch den jungen Piscolomini überreicht werden soll, remonstriren.


