Aufsatz 
Rückblick auf die ersten 25 Jahre der Anstalt
Entstehung
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zerstreut. Die elektrische Straßenbahn, die an der Anstalt vorbeiführt, erleichtert den Verkehr auch nach den entfernteren Stadtteilen. Im allgemeinen sind unsere Schüler nicht an Ver- weichlichung und Wohlleben gewöhnt; sie stammen zum größten Teile aus Familien, in denen eine ernste Zucht herrscht, die der Schulerziehung zu Hilfe kommt. Bei Ausflügen ist es beson- ders erfreulich zu beobachten, wie unsere Schüler zur Sparsamkeit und Mäßigkeit erzogen sind. Ernste Strafen sind immer seltener geworden und in der letzten Zeit kaum notwendig ge- wesen. Der Karzerraum hat schon längst seine Bestimmung eingebüßt; er ist im Jahre 1908 zum Sammlungsraum für die Schülerbibliothek umgebaut worden.

Nur sehr wenige Schüler wohnen nicht bei ihren Eltern, und diese wenigen sind bei Verwandten untergebracht. Das Lehrerkollegium weiß nichts von der Mühe und Sorge, die Söhne auswärts wohnender Eltern einer Schule verursachen.

Die Zahl der evangelischen und der katholischen Schüler ist im Verhältnis zueinander ziemlich gleich geblieben, dagegen hat seit der Mitte des vorigen Jahrzehnts die Zahl der jüdischen Schüler stetig abgenommen, obgleich seit Ostern 1909 die Schule für einen geord- neten jüdischen Religionsunterricht in ihren eigenen Räumen sorgt. Erklären läßt sich der Rückgang der Zahl der jüdischen Schüler nur dadurch, daß die jüdischen Schüler jetzt mehr als früher Realanstalten aufsuchen, seitdem der Cbergang von der Realschule auf ein Reform- gymnasium oder Reformrealgymnasium möglich ist und den Abiturienten der Realgymnasien und Oberrealschulen der Zugang zu den Universitätsstudien in vollem Maße offensteht.

Die Schule hat stets pesonderen Wert darauf gelegt, ihre Zöglinge an gute Zucht und Ordnung zu gewöhnen. Wohl manchem Schüler war dies unbeduem und doch so heilsam; viele Eltern, die anfangs wohl hin und wieder über die Strenge der Schule klagten, haben es später der Anstalt aufrichtig gedankt. Wie es Direktor Hartwig bei der Eröffnung aus- gesprochen hatte, war die Schule aufs ernsteste bemüht, bei den ihr anvertrauten Zöglingen eine ideale Gesinnung zu pflegen, in den Herzen der Jugend das heilige Feuer der Begeiste- rung für die höchsten Lebensgüter zu entzünden und den Sinn zu erwärmen für des eigenen Volkes Vergangenheit und Art, zu pflegen die Liebe zu Heimat und Vaterland, zu dessen Schutz und Schirm, wenn es gilt, wir alle freudig unser Herzblut zu vergießen bereit sein müssen.

Im Unterrichtsbetrieb sind die Lehrpläne zweimal geändert worden: Ostern 1892 und 1901, die Anstalt ist aber ein numanistisches Gymnasium nach allgemeinem Lehr- plan geblieben. Der Unterricht im Lateinischen beginnt in Sexta, im Französischen in Quarta, im Griechischen in Untertertia. Gleichwohl hat sich die Anstalt neuzeitlichen An- forderungen nicht verschlossen. Neben den alten Sprachen wurden auch die neueren Sprachen eifrig gepflegt. Seit 1905 haben wiederholt französische Lehramtsassistenten an der Anstalt gewirkt und Ubungen im mündlichen Gebrauch der fremden Sprache mit den Schülern abge- halten. Während eines Sommers hielt Herr Oberlehrer Dr. Orth mit Schülern der oberen Klassen einen italienischen Kursus ab, und einmal(1911) war es möglich, englische Konver- sationsstunden einzurichten. Seit zwei Jahren werden mit einer Auswahl von Schülern der oberen Klassen in drei Abteilungen praktische physikalische Ubungen abgehalten, über die sich die Fachlehrer im Jahresbericht 1912 ausführlich geäußert haben. Alle diese Ubungen sind geeignet, befähigten Schülern in einzelnen Fächern eine über das Ziel des Gymnasiums hinausgehende Belehrung zu geben und die Ziele der sogenannten Bewegungsfreiheit in gewissem