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Daher erhielt das bezogene Substantivum eine Form, kraft welcher es durch ein an ihm zu setzendes Prädikat in Gegenseitigkeit mit dem Subjekt und dessen Prädikat stehen- soll. Dieser Kasus ist der Dativ. Durch ihn werden also zwei Substantiva als in ihren Prädikaten jedes für das andre seiend dargestellt, das Subjekt in diesem genannten Prä- dikat, die Dativ-Form in einem durch mein Denken mit jenem zu vermittelnden. Es sind somit eigentlich zwei aktive Sätze in dem Einen Prädikat zur Einheit verschlungen.
§ 9.
Dies sind die Grundbedeutungen der casus obliqui. Den Akkusativ setzt sich ein Subjekt dadurch, dass es an ihm seine prädikätive Selbstbestimmung vermittelt, zur be- stimmten Besonderung derselben. Im Genitiv wird durch unser Urtheilen und Reflektiren das Substantiv kraft seiner Aktivität, Allgemeinheit und Passivität als Bestimmung einer an- dern Wortform gefasst und auf sie bezogen. Der Dativ endlich zeigt sein an ihm zu setzen- des Prädikat als in Gegenseitigkeit mit dem Prädikat eines andern Subjekts, und dadurch die in Einem ausgedrückten Prädikat vermittelte Gegenseitigkeit zweier Subjekte. Diese Grundbedeutung bleibt den Kasus in der griechischen, der lateinischen, wie der deut- schen Sprache gleich; nur die lateinische Sprache hat noch einmal den Dativ in sich unterschieden und daraus den Ablativ geprägt. Frägt man nun, woher bei gleicher Grund- bedeutung derselben dennoch ihr so verschiedener Gebrauch in diesen Sprachen sich schreibt, so ist dies eben der verschiedene Volksgeist, welcher dieselben Verhältnisse verschieden auffasst und in danach modifizirten Formen ausdrückt. Der Deutsche sagt: er liebt den Krieg, der Grieche Plat. Symp. p. 181 B.: 0?&φᷣœ☚ν ⁴ τυν vöννςσσ—— 10ν Gσκιαι⁴μνιιν ανι⁴ονν½υ των τωννιέν 5ρσν. Jener denkt sich das Verhältniss derartig, dass sich das Subjekt den Gegenstand seiner Liebe als besondere Bestimmtheit des Prä- dikats selbst setzt, und der Hörende oder Sprechende darf dies sprachlich gesetzte Ver- hältniss nur verdollmetschen; im Griechischen dagegen muss der Sprechende oder Ur- theilende zu diesen Prädikaten den Gegenstand der Liebe als ihre Bestimmung zufügen. Dagegen brauchen alle drei Sprachen in dem ähnlichen Verhältniss:„er ist ihm Freund“ den Dativ. Man denkt sich nämlich dies Freundsein als in solcher Gegenseitigkeit der beiden Subjekte wurzelnd, dass das erstere darin gleichsam als Freundschaft spendend erscheint, das andere als dieselbe entgegennehmend.
§ 10.
So giebt es ferner, um uns nur auf die griechische Sprache zu beschränken, einen Akkusativ, einen Genitiv und einen Dativ der Zeit, jeder Kasus mit seiner Berechtigung und seinem Unterschiede gegen den andern.
a) Akkusativ der Zeit.
Jedes Wesen, als existirend oder dauernd, steht dadurch in einem stetigen Verhält- niss zur Zeit. Jeder Theil derselben ist gleichsam sein eignes Leben. Es ist selbst


