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zuſetzen. Der Einladung des Kaiſers zum Regensburger Deputationstage, wo dem Land⸗ grafen Genugtuung zuteil werden ſollte, ſtand er gleichwohl zunächſt ablehnend gegenüber, da er wohl merkte, wie ſehr erwünſcht dem Kaiſer die Anweſenheit wenigſtens eines evangeliſchen Reichsfürſten war. Ludwig begründete ſeine Haltung damit, daß ihm die Beſtimmungen des Landauer Reverſes die Teilnahme am Regensburger Deputations⸗ tage unmöglich mache. Wie wenig ernſt es ihm damit war, geht ſchon aus der Tatſache hervor, daß er perſönlich nach München reiſte, um ſich mit Herzog Maximilian über die Entſchädigungsfrage zu beſprechen.*) In ihm gewann er ſich gegen Zuſicherung ſeiner Unterſtützung in der pfälziſchen Kurfrage einen warmen Befürworter ſeiner eigenen Ent⸗ ſchädigungsanſprüche. Wenn der Heſſenfürſt nun trotz der Kaſſation des Landauer Rever⸗ ſes durch den Kaiſer ſeinen Wünſchen bei den langwierigen Verhandlungen in Regensburg über die pfälziſche Kur doch anfangs ablehnend gegenüber ſtand, ſo entſprach dies nicht den wahren Abſichten Ludwigs, noch viel weniger ſind religiöſe Bedenken bei ihm maßgebend geweſen. Vielmehr lag dem nur kluge, diplomatiſche Berechnung des Landgrafen zu Grunde, der ſich ſchließlich ſeine Zuſtimmung vom Kaiſer erkaufen ließ durch Erfüllung ſeiner Entſchädigungsforderungen. Unmittelbar nach Abſchluß des Regensburger Deputationstages wurden ſie von dem Kaiſer reſtlos in der Form gewährt, wie ſie von Ludwig ſelbſt bei der Münchener Beſprechung mit Herzog Maximilian angeregt worden war. So fielen ihm, abgeſehen von dem großen Landerwerb, welche die günſtige Ent⸗ ſcheidung im Marburger Erbſchaftsſtreit einbrachte, noch eine ganze Reihe territorialer Vorteile zu. Außer ganz Oberheſſen mit Marburg kam noch der pfälziſche Teil von Umſtadt mit dem Otzberg ſowie eine Anzahl pfalzgräflicher Beſitzungen am Rhein zu Heſſen. Außer⸗ dem wurde dem Landgrafen der ſolmſiſche Anteil von Butzbach mit mehreren Dörfern der Umgebung, das löwenſteiniſche Beſitztum Habitzheim und die iſenburgiſchen Rechte an der Dreieich übertragen.*) Da der Kaiſer auch die Truppen zur Durchführung dieſer Be⸗ ſitzesveränderungen zur Verfügung ſtellte, gebot Landgraf Ludwig über ein Land, das den Beſitz ſeines Vaters nahezu um das Fünffache übertraf. Zwar iſt ein großer Teil dieſer Neuerwerbungen im weſtfäliſchen Frieden wieder verloren gegangen. Doch als der Land⸗ graf im Jahre 1626 ſtarb, ſchien ſeine Politik glänzend gerechtfertigt, und wenn er die An⸗ ordnung traf, auf ſeinem Grabſtein ſeinem Namen die Inſchrift zuzufügen„Caesari semper fidelis“, ſo géſchah dies in Erinnerung an die Tage des mansfeldſchen Einfalles. Seinem Lande hatten ſie zwar Plünderung und Verwüſtung, ihm ſelbſt Demütigungen aller Art gebracht; aber trotzdem blickte Landgraf Ludwig auf jene Unglückstage in ſtolzer Genug⸗ tuung zurück, da ſie jene Erfolge gezeitigt hatten, in denen er die Verwirklichung ſeiner weitgeſteckten Lebensziele ſah.
⁴) St. A. Abteilung Marburger Succeſſion Convol. 27. *] Karl Hattemer, Entwickelungsgeſchichte Heſſen⸗Darmſtadts. I. Teil. Seite 36.


