Aufsatz 
Der Einfall Ernsts von Mansfeld in Hessen im Jahre 1622
Entstehung
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man von der ſtändig zunehmenden Einwanderung der Schutzſuchenden wenig erbaut. Der Rat der Stadt ging mit dem Gedanken um, jegliche Zuwanderungen zu verbieten aus Furcht vor der unausbleiblichen Lebensmittelknappheit. Schließlich einigten ſich jedoch die Stadtväter dahin, daß die Zuwanderungserlaubnis von Fall zu Fall gegeben werden könne und davon abhängig zu machen ſei, daß jeder Flüchtling ſeinen Proviant ſelbſt mitbringe.*) Außerdem mußte wöchentlich ein Taler Schutzgeld gezahlt werden.*)

Wohl mehr zur Beruhigung der Bevölkerung als zur ernſthaften Verteidigung wur⸗ den auf Befehl Landgraf Ludwigs in den Tagen vom 1. bis 3. April Erdſchanzen zur Verſtärkung des von Zwingenberg nach Gernsheim ziehenden Neuen Grabens aufgewor⸗ fen. Unter Aufbietung der Bewohner ſämtlicher in der Nähe liegenden heſſiſchen, main⸗ ichen und erbachiſchen Dörfer wurden drei neue Erdwerke ausgehoben bei jedem Paſſe eins.**

Hand in Hand mit dieſen militäriſchen Maßnahmen gingen ſolche diplomatiſcher Art. Als treuer Landesvater ließ Ludwig V. auch in dieſer Hinſicht kein Mittel unver⸗ ſucht, der ſeinem Lande drohenden Gefahr zu begegnen. So wandte er ſich in einem Hilfsgeſuch an die Fürſten des niederſächſiſchen Kreiſes, um ſie auf die Rachepläne Chriſtians von Braunſchweig aufmerkſam zu machen. Er erreichte aber nichts dadurch, als eine ſchriftliche Beruhigung, daß die Stände des niederſächſiſchen Kreiſes gemeinſam in einem Schreiben bei Herzog Chriſtian wie bei dem Pfalzgrafen zu ſeinen Gunſten vor⸗ ſtellig geworden ſeien.**)

Mehr verſprach ſich der Landgraf von den in Brüſſel ſchwebenden Verhandlungen zwiſchen England, Spanien und dem Kaiſer. Am 19. März erſchien auf Veranlaſſung des Kaiſers ein bayriſcher Geſandter, Bartholomäus Richel, in Darmſtadt, um dem Land⸗ grafen eine Vermittlerrolle zwiſchen den ſtreitenden Parteien anzutragen.**) Nach ſeiner Angabe waren die Verhandlungen in Brüſſel ſoweit gediehen, daß demnächſt mit dem Abſchluſſe eines Waffenſtillſtandes gerechnet werden konnte, nur befürchte man beider⸗ ſeits, daß ſich Mansfeld ſowohl wie Chriſtian von Braunſchweig dem Beſchluß, die Waffen niederzulegen, nicht fügen würden. Unter dem Vorwande, den Brüſſeler Ab⸗ machungen Geltung zu verſchaffen, ſuchte die ligiſtiſche Diplomatie Württemberg und Ba⸗ den bei der Einkreiſung Mansfelds in den Dienſt ihrer Sache zu ſtellen.*) Die Wer⸗ bungen des Markgrafen von Baden und des Herzogs von Württemberg wurden von ihr mit weniger wohlgefälligen Blicken verfolgt wie die des Heſſenfürſten; trotzdem gab man auf Seiten des Kaiſers die Hoffnung auf ſie noch nicht auf. Landgraf Ludwig, der evan⸗ geliſche Reichsfürſt, der dem Herzog von Württemberg verwandtſchaftlich noch beſonders nahe ſtand, politiſch aber ganz im Fahrwaſſer der Liga ſegelte, war für die Vermittler⸗ rolle geeignet wie keiner, und ſo einigte man ſich bei den Brüſſeler Verhandlungen auf ihn. Richel legte bei ſeinem Erſcheinen in Darmſtadt dem Landgrafen nahe, gemeinſam mit Joachim Ernſt von Ansbach dahin zu wirken, daß Württemberg und Baden bei der Durchiüchtung der Waffenſtillſtandsbedingungen nötigen Falles mit Waffengewalt helfen ollten.*

) Stadtarchiv zu Frankfurt a. M. Abteilung Krieg und Frieden Convol. 6. Seite 33.

²³²) Buchs Chronik Seite 345..

³³) Buchs Chronik Seite 345.

2n H. A. Convol. 66. Fasz. III. S. 179. Copie eines Schreibens der Fürſten und Stände des niederſächſiſchen Kreiſes an Friedrich V. von der Pfalz vom 27. März 1622.

*) H. A. Convol. 66. Fasz. III. Seite 167. Copie eines Briefes des Königs Jakob von England an Pfalzgraf Friedrich vom 17. Juni 1622. Als zu Brüſſel von einem Anſtand der Waffen beiderſeits geredet wurde, hat man die Augen auf Landgraf Ludwig gelenkt, als einen Fürſten der hierzu der bequemſte und verträglichſte in Deutſchland, um einen Unterhändler zwiſchen beiden Teilen zu haben, weil er ſeinen Credit bei beiden Teilen bis dahin erhalten....

³6) St. A. Abt. VIII. Convol. 28. Fasz. 12. S. 62. Propoſition Landgraf Ludwigs für die Zu⸗ ſammenkunft in Ansbach..

³7) St. A. Abt. VIII. Convol. 28. Fasz. 13. S. 9. Anbringung Richels bei Landgraf Ludwig am 9. /19. März 1622..