Aufsatz 
Die Figur des Oktavio Piccolomini in Schillers Wallenstein
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

ebenso extreme Achtung vor Gesetz und Ordnung verwandelt, so daß er nun die Verse schreiben konnte: Weh denen, die dem ewig Blinden Des Lichtes Himmelsfackel leihn! Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden Und äschert Städt' und Länder ein. Folglich durfte auch der Vertreter der legitimen Ordnung nicht mehr als eine Schreckgestalt erscheinen. Allein das kann doch nicht der ausschlag- gebende Grund gewesen sein, denn sonst hätte Schiller sein Geschäft schlecht verstanden, da er ja, wie wir oben gesehen haben, diese seine angebliche Absicht nicht, oder doch nur unvollkommen erreicht hätte. Der wahre Grund liegt wohl in jener ästhetischen Theorie, die Schiller mit aller Schärfe und Klarheit in seiner Abhandlung über die tragische Kunst ausgesprochen hat:Unser Mitleid wird nicht weniger geschwächt, wenn der Urheber eines Unglücks, dessen schuld- lose Opfer wir bemitleiden sollen, unsere Seele mit Abscheu erfüllt. Es wird jederzeit der höchsten Vollkommenheit seines Werkes Ab- bruch tun, wenn der tragische Dichter nicht ohne einen Bösewicht auskommen kann und wenn er gezwungen ist, die Größe des Leidens von der Größe der Bosheit herzuleiten.... Zu einem weit höheren Grade steigt das Mitleid, wenn sowohl derjenige, welcher leidet, als derjenige, welcher Leiden verursacht, Gegenstand desselben werden. Dies letztere kann nur dann geschehen, wenn der letztere weder unseren Haß noch unsere Verachtung erregt, sondern wider seine Neigung dahin gebracht wird, Urheber des Unglücks zu werden. Paßt dies nicht alles so sehr auf unseren Helden, daß man sich geradezu zur Annahme gedrängt fühlt, diese Figur sei beinahe mechanisch nach diesem Rezepte verfertigt worden? Um nicht unseren Haß und unsere Verachtung zu erregen, darf Oktavio keine Lüge sagen, und um sich trotzdem nicht zu verraten, darf er über- haupt nie mit Wallenstein sprechen, eine Unzukömmlichkeit, auf die schon Hoffmeister anfmerksam gemacht hat. Ja auch so ist seine Rolle nicht konsequent durchzuführen, denn seine Unterschrift unter der bekannten Eidesformel ist doch klipp und klar eine Lüge. Andererseits hat Schiller auch alles getan, um unser Mitleid zu er- regen; denn Oktavio wird von den schwersten Unglücksschlägen ge- troffen, er verliert seinen einzigen Sohn, er verliert seinen Waffen- bruder, seinen alten, wohlmeinenden Freund, und muß sich sagen lassen, daß er obwohl widerwillig, den Pfeil geschärft hat, der ihn getödtet hat,

Und die Gestalt des zufällig Ermordeten Wird auf des traurig unwilligen Mörders Böse Stunden lauern und schrecken.