Aufsatz 
Die Figur des Oktavio Piccolomini in Schillers Wallenstein
Entstehung
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seinen Kaiser nicht im Momente der Gefahr im Stiche lassen und nicht den Rettungsdienst verweigern wollte, durfte, den er allein zu leisten vermochte, wie ließe sich alles das überzeugender ausdrücken, als er selbst es tut mit den bekannten Worten:

Mein bester Sohn! Es ist nicht immer möglich

Im Leben sich so kinderrein zu halten,

Wie's uns die Stimme lehrt im Innersten u. s. w. p. P. v. 1.

Und wenn Bellermann sich wundert, daß er auch nicht ein einzigesmal im ganzen Lauf des Stückes so etwas wie einen Schmerz, wie ein Bedauern ausspricht, daß er gegen einen alten Freund und Waffenbruder so zu handeln und den blindlings Vertrauenden zu täuschen gezwungen ist, so beachtet er eben nicht, was doch auch Beckhaus andeutet, daß nämlich das freundschaftliche Vertrauen, das Wallenstein dem Oktavio entgegenbringt, diesem nur als ein schändlicher Bestechungsversuch erscheinen und ihm auch diese Freundschaft verdächtig, ja mehr als verdächtig machen muß. Nach alledem scheint mir Julian Schmidts Urteil das einzig

richtige. Wenn wir uns in die Lage des Oktavio hineindenken und seine Taten nach den Umständen und Motiven beurteilen, so müssen wir diesen Mann nicht bloß entschuldigen, nein, wir müssen ihn sogar bewundern, daß er den Weg der Pflicht, der oft so haarscharf zwischen dem Zuviel und Zuwenig sich hindurchzieht, mit so un- beirrbarem moralischen Takt zu finden gewußt hat. Derun- günstige Eindruck, den er in dem Zuschauer hinterläßt, ist daher nicht in seinem Charakter

begründet. II.

Welches sind also die tatsächlichen Gründe dieses Eindruckes, und welches waren hiebei die Absichten und Beweggründe des Dichters?

Auf die erste Frage ist die Antwort relativ leicht. Zunächst ist Oktavio der Uberlebende, und wenn im gewöhnlichen Leben der Überlebende Recht hat was übrigens auch nicht immer der Fall ist, z. B. bei einem Duell gibt man mit Vorliebe dem Uberlebenden Unrecht so gilt in der Pocsie entschieden das Gegenteil. Es ist eine ebenso weit verbreitete als irrige und kindische Auffassung, daß der Tod eines Helden allzeit ein warnendes Strafgericht der poetischen Gerechtigkeit sei und daß sich darin das Verdammungs- urteil des Dichters über die Taten oder den Charakter des Helden ausspreche. So z. B. hat wohl noch niemand, auch nicht der ver-