zeichnen kann, wenn er nur nicht mit dem Stift auf dem Papier herumfahren will, bevor er den Gegenstand, um den es sich handelt, recht angeschaut hat. Sehen ist die Grundlage des Zeichnens, und wir sehen und beobachten nur dann mit genügend eingehendem Ernste, wenn wir zeichnen sollen. Das eine hilft dem andern. Im Zeichnen liegt der wohlthätige moralische Zwang, bewusst zu sehen— darum ist das Zeichnen die Schule des Sehens.“
Das Verdienst, die Ausbildung des geistigen Auges, die Erziehung zum bewussten Sehen als die wesentlichste Aufgabe des Zeichenunterrichts erkannt und einen sich streng .. 5 1..... 5 logisch entwickelnden Lehrgang zur Erreichung dieses Ziels aufgestellt und praktisch durch- 5„ 5 S.11. 1—. 5 22* 11 geführt zu haben, gebührt unter den neuzeitlichen Methodikern Prof. Feodor Flinzer, städt. Zeicheninspektor in Leipzig, welcher seine Methode in dem„Lehrbuch des Zeichenunterrichts 8/ 12.. an deutschen Schulen“ dargestellt und begründet hat. Flinzer baut seinen Lehrstoff in acht .. 8. 8 74.... konzontrischen Kreisen auf. Diese Anschauungs- oder Erkenntniskreise zerfallen in zwei Haupt- gruppen, von denen die erste die Flächenfigur, die zweite die verkürzte Fläche und den Körper pehandelt. Die erste Hauptgruppe schliesst den ersten bis fünften, die zweite den sechsten ..S..* bis achten Anschauungskreis in sich.
1. Anschauungskreis(Punkt, gerade Linie, Quadrat, regelmässiges Dreieck)
2.„(regelmässige Vielecke und der Kreis)
3. 6(Verwertung der Polygone zu einfachen ornamentalen Gebilden) 4 7(unregelmässiges Dreieck, Ellipse, Schneckenlinie und Spirale) 5.„(Verwertung des Gelernten durch Anwendung des ungleich-
seitigen Drei- und Vielecks beim Zeichnen jeder Art von Flächenfiguren)
6.„(Zeichnen nach dem Körper und Erkenntnis des Gesetzmässigen in der perspektivischen Erscheinung ohne wissenschaft- liche Erörterung)
7..(Kreis und Flächenfigur in Verkürzung)
8.„(die Lehre von den Beleuchtungserscheinungen).
Der unten folgende Plan, nach welchem der Zeichenunterricht in hiesiger Anstalt er- teilt wird, lehnt sich unter Befolgung der Bestimmungen des amtlichen Lehrplans für die Gymnasien des Grossherzogtums Hessen an den Flinzerschen Lehrgang an.
In der revidierten Handausgabe(1893) des angeführten amtlichen Lehrplans sind für den Zeichenunterricht in VI, V und IV je zwei wöchentliche Stunden, für die beiden III je eine wöchentliche Stunde und für die Oberklassen die Einrichtung eines fakultativen Unter- richts vorgeschrieben.
Im speziellen Lehrplan finden sich für das Zeichnen folgende Weisungen:
„Der Unterricht im Freihandzeichnen ist bis zur Klasse IIIa einschliesslich verbindlich.
Aufgabe des Zeichenunterrichts, der möglichst als Massenunterricht zu behandeln ist. ist die Ubung und Bildung des leiblichen und geistigen Auges und der Hand, die Entwicklung des Sinnes für Raumverhältnisse und die Förderung des Verständnisses für schöne Formen, verbunden mit Gewöhnung an Sauberkeit.
Um diese Ziele zu erreichen, müssen die Schüler bei jedem Objekte zur eigenen Be- obachtung, zur denkenden Verarbeitung des Beobachteten, zu deren mündlicher Darstellung und vor allem zur graphischen Wiedergabe angehalten werden. Bei letzterer wird sich auch das Vorzeichnen des Lehrers an der Wandtafel als förderlich erweisen.
Ein so erteilter Unterricht muss, wenn er den ganzen Erfolg haben soll, von Flächen- figuren— gepressten Blättern u. dgl.— Ornamenten, Modellen und anderen körperlichen Ob- jekten ausgehen. Die Auswahl der letzteren ist nach dem Grundsatze zu treffen, dass zu dem übrigen Unterrichte in jeder Klasse möglichst viele Beziehungen hergestellt werden. In diesem Unterrichte sind die wichtigsten Lehren über Schattengebung und die einfachsten Regeln der Linearperspektive den Schülern durch praktische Unterweisung geläufig zu machen.
Für die Klasse II und I ist überall ein fakultativer Unterricht einzurichten, der die weitere Entwickelung des Formen- und soweit möglich auch des Farbensinns zu verfolgen hat. Schüler, für welche das geometrische Zeichnen von besonderem Werte ist, können zur darstellenden Geometrie angeleitet werden. Endlich lässt sich Hand in Hand mit dem Zeichen- unterrichte eine elementare Einleitung in die Kunstgeschichte geben.“


