Aufsatz 
Der Zeichenunterricht an dem Neuen Gymnasium zu Darmstadt / von Richard Hölscher
Entstehung
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Auf die Klassen sind die Flinzerschen Anschauungskreise wie folgt verteilt: Sexta 1 3, Quinta 4 und 5, Quarta und Untertertia 6 8 Anschauungskreis. Der Obertertia und dem fak. Unterricht fällt die Anwendung, UÜbung und Festigung des in den unteren Klassen Ge- lernten zu.

Die Form des Unterrichts ist Massenunterricht, soweit die gemeinsame Belehrung bei Besprechung der Aufgabe in Betracht kommt. Die Ausführung der Arbeiten, als Anwendung und Beleg für das Verständnis des behandelten Stoffes dienend, nimmt der Individualität des Schülers entsprechend verschiedene Zeitdauer in Anspruch. Dieses verschiedene Abschliessen der Lösung wird durch sog. Episoden', Erweiterungen der allgemeinen Aufgabe für die Früh- fertigen, ausgeglichen. Es wird Korrektheit als Folge des vollkommenen Verständnisses der Aufgabe und Sauberkeit bei Ausführung der Zeichnung verlangt. Die Korrektur ist Einzel- unterricht, doch werden hier häufig auftretende Fehler gemeinsam an der Tafel erörtert. Die Korrektur ist zweifacher Natur; sie erfolgt bei Verstössen gegen das Verständnis stets münd- lich, indem der Schüler, durch Fragen auf die vorherbesprochenen Bildungsgesetze der Figur hingewiesen, zur Erkenntnis des Fehlers gebracht wird; handelt es sich um Mängel in tech- nischer Hinsicht, so zeigt der Lehrer das Verfahren am Rand der Zeichnung oder auf einem besonderen Blatt Papier. Der Gebrauch von irgend welchen Hilfsmitteln beim Zeichnen ist verpönt und wird als Täuschungsversuch bestraft. Jede vom Schüler gefertigte Arbeit wird aufbewahrt und zensiert. Bei Bestimmung der Note ist das bei der allgemeinen Besprechung und beim Entstehen der Zeichnung offenbarte Verständnis massgebend; die mehr oder weniger routinierte technische Vortragsweise kommt weniger in Betracht.

Die Modelle, die im Zeichenunterricht zur Anwendung kommen, gruppieren sich in Natur- und Kunstformen, Die zeichnerische Behandlung der beiden Gruppen bringt Beziehungen zum mathematischen Unterricht, die der Naturformen ist besonders geeignet, solche zum be- schreibend naturkundlichen, die der Kunstformen solche zum sprachlich-historischen Gebiet zu pflegen.

Sexta.

Pensum: Regelmässige Vieleche und Kreis als Grundlage von Rosetten und einfachen Ornamenten.

Der Lehrstoff für VI arbeitet dem geometrischen Anschauungsunterrichte(IV) insofern vor, als die Schüler mit den geometrischen Formen und deren Benennungen vertraut gemacht werden. Dadurch, dass Blatt- und Blütenformen der Natur zu ornamentalen Gebilden, welche auf den geometrischen Grundformen basieren, verwendet werden, entstehen Beziehungen zum naturkundlichen Unterricht.

Lehrmittel: Drei-, vier-, fünf-, sechs- und achtblättrige farbige Rosetten als grosse Wandtafeln ohne Umrisslinien. Blüten in Natur oder in Abbildung.

Modell des Achtecks(zwei Quadrate), des Sechsecks(zwei Dreiecke), des Kreises mit dem regelmässigen Fünfeck.

Allgemeines zur Behandlung des Lehrstoffs: Die Besprechung der Aufgabe beginnt mit der Betrachtung einer Rosette, deren einfache Grundform(Vier-, Drei-, Sechs-, Acht- und Fünfeck) die eigentliche Klassenaufgabe bildet. Nachdem erörtert, was die Tafel darstelle, das natürliche Vorbild der Rosette, so weit als möglich, erkannt und in Natur oder als Ab- bildung gezeigt, der Zweck der Rosette und ihr Vorkommen an Gebrauchsgegenständen, in der Architektur etc. erwähnt ist, wird die geradlinige Grundform aufgesucht, benannt und ihr Modell aufgestellt. Hierauf werden Natur- und Kunstformen namhaft gemacht und gezeigt, bei denen die gleiche Grundform zu beobachten ist, wodurch der Schüler angeregt wird, sein Augenmerk auf die Gesetzmässigkeit der Formen seiner täglichen Umgebung zu richten. Nach dieser kurzen Vorbesprechung folgt das weitere Eingehen auf die eigentliche Klassenaufgabe. Die Flächenfigur wird auf ihre Regelmässigkeit und die Massverhältnisse ihrer Teile hin be- trachtet, und hieraus werden Anhaltspunkte für den Entwickelungsgang der späteren Zeichnung gewonnen. Durch Fragen werden die Schüler geleitet, diesen in logischer Folge zu finden. Gleichzeitig entsteht jetzt durch die Hand des Lehrers die Zeichnung stückweise an der Tafel, und die Schüler folgen dann ebenso abschnittweise mit der Wiedergabe der Figur. Die Ab-