Aufsatz 
Der Zeichenunterricht an dem Neuen Gymnasium zu Darmstadt / von Richard Hölscher
Entstehung
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sich an den in dieser Beziehung besser bedachten anderen höheren Lehranstalten erzielen lässt. Ganz besonders fühlbar wird dies in dem Unterricht der Tertien, welcher auf eine wöchent- liche Stunde beschränkt ist.

Wie notwendig es ist, das Beobachten, das bewusste Sehen, auf der Schule zu pflegen, wie wichtig das Zeichnen abgesehen von den künstlerischen Berufsarten für den Mediziner, Naturwissenschafter, Archäologen, Kunsthistoriker u. a. ist, zeigen vielfache Ausserungen unserer Universitätsprofessoren.

Geh. Rat Prof. Dr. Virchow bemerkte unter anderem über das Zeichmen auf der Berliner Dezemberkonferenz 1890:Damit komme ich zu einem anderen Punkte: das ist die Ubung in der eigenen Beobachtung, die ohne ein gutes Exerzitium der Sinne nicht durch- geführt werden kann. Jeder Mensch sollte lernen, die Gegenstände, die ihm entgegentreten, mit Sicherheit zu prüfen und zu analysieren. Gerade für uns Mediziner erhebt sich aber die grösste Besorgnis, insofern als wir finden, dass jede neue Generation von Studierenden weniger geschult ist, ihre Sinne zu gebrauchen. So ist z. B. die Zahl der Studierenden der medizi- nischen Fakultät, welche imstande sind, eine richtige Farbenbestimmung vorzunehmen, sehr klein. Natürlich spreche ich nicht von den reinen Grundfarben; aber Mischfarben können sie nicht unterscheiden...... Durch die Ausführung fertiger Zeichnungen gewinnt man jene Feinheit in der Auffassung und Unterscheidung der Objekte, die durch den blossen Strich nicht gewonnen werden kann.

In einem VortragÜber die Schulreform und den Unterricht in Mathematik und Zeichnen auf dem Gymnasium sagt Dr. Alexander Brill, Prof. der Mathematik an der Universität Tübingen, über den Zeichenunterricht:Eine gewisse UÜbung im Zeichnen ist für viele Berufs- zweige, die das Gymnasium absolvieren, unerlässlich. Wie nun selbst der Dilettant auf der Violine in frühem Lebensalter anfangen muss, wenn er es zu mässiger Gewandtheit bringen will, so lässt sich das Zusammenwirken der vielen Muskel- und Nervenbündel, welche das ausmachen, was man eine geschickte Hand, ein geschultes Auge nennt, nur in der Jugend erwerben. Die Gelegenheit hierzu sollte jede Schule in ausgiebiger Weise darbieten. Man wende nicht ein, dass besondere Anlagen erforderlich sind. So gut man auf der Schule von jedem, er mag für Sprachen beanlagt sein oder nicht, gewisse philologische Bethätigungen fordert, so kann man jedem bei guter Methode die Anfangsgründe auch der nachbildenden Künste beibringen. Aber das obligatorische Zeichnen kann nicht nur, es muss in das Gym- nasium eingeführt werden, wenn nicht die Klagen über mangelhaft ausgebildete Vorstellungs- kraft, über Unvermögen im Erfassen der Wirklichkeit immer wieder erneut auftauchen sollen. Wer einen räumlichen Gegenstand, ein Ornament, eine Gypsfigur, nachzubilden versteht, der wird ihn auch erfasst haben und, wenn er ein sprachlich gebildeter Mensch ist, ihn beschreiben können. Der Anatom, der die räumliche Vorstellungskraft bei seinen Zuhörern beansprucht, der Kunsthistoriker, der eine Statue in ihrer Stellung oder Bewegung beschrieben haben vill, der Botaniker und Zoologe, der den Bau einer Pflanze, eines Tieres schildert, findet seine bestvorgebildeten Zuhörer unter den Zeichnern. Dazu kommt ein erheblicher idealer Gesichts- punkt. Das Gymnasium will die Pflegestätte des Wahren, Guten und Schönen sein. Was thut es zur Entwicklung des Sinnes für Anmut und Grazie in Linie und Farbe, in der äusseren Erscheinung? Die Griechen haben nicht bloss geschrieben, geredet und gedichtet, sie waren auch Meister in der Handhabung des Stifts, der Spachtel, des Meisels. Warum verengt man diese Fundgrube für edle Bildung an vielen besonders unseren kleinen Gymnasien?

Dr. Albert Heim, Prof. der Geologie am eidgenössischen Polytechnikum und an der Universität in Zürich, sagt unter anderm in einem Vortrag überSehen und Zeichnen: Wie oft hört man, wenn man jemanden zum Zeichnen ermuntern will, den Ausspruch:Ich kann nicht zeichnen. Allein das ist fast immer ein blosser Irrtum. Freilich muss man nicht meinen, das Zeichnen gehe bloss spielend, es ist eine starke geistige Anstrengung, die man eben mit Ernst leisten muss. Die Stiftführung, die Technik, das ist eine Kleinigkeit. Was fehlt, ist vielmehr die geistige Disziplin, den Gegenstand konsequent und genau anzusehen, ihn zu durch- dringen und im Ansehen zu begreifen, bis man nicht nur einen allgemeinen Eindruck fühlt, sondern seine Linien und ihre Verbindung versteht und ihn in Linien auflösen hann. Strengt man sich nur allen Ernstes versuchsweise einmal hierzu an, dann gelingt auch das Bild schon annähernd gut. Gewöhnlich gerät dann derjenige, der sich endlich zu einem solchen Versuche aufgerafft hat, in nicht geringes Erstaunen über die Entdeckung, dass er doch bald ordentlich