Aufsatz 
Der Zeichenunterricht an dem Neuen Gymnasium zu Darmstadt / von Richard Hölscher
Entstehung
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Der Zeichenunterricht an dem Neuen Gymnasium zu Darmstadt.

Von

Richard Hölscher.

Die Aufgabe des Zeichenunterrichts an den allgemein bildenden Schulen ist Ubung des hewussten Sehens; die Schüler sollen 1. richtig sehen, 2. ästhetisch sehen lernen. Zu dieser UÜbung des Auges kommt die UÜbung der Hand im Wieder geben des Gesehenen.

Die ÜUbung im richtigen Sehen bezweckt die Gewöhnung des geistigen Auges, das Charakteristische an der Erscheinung eines jeden Gegenstandes, Ausdehnungen, Farbe, Licht und Schatten, richtig und rasch zu erfassen. Eine Nötigung, das Gesehene wirklich geistig zu erfassen, liegt in der Wiedergabe desselben durch Zeichnung. Der Schüler soll dadurch, dass er das Gesehene zeichnet, bewusst sehen, beobachten lernen.

Neben der UÜbung im richtigen Sehen geht diejenige im ästhetischen Sehen einher. Die von Natur aus vorhandene Empfänglichkeit des Auges für das Schöne soll gefördert. der Geschmack, das Gefühl für Schönes und Hässliches soll gebildet werden. In elementarer Weise wird auf den Schüler durch sorgfältige Auswahl der Zeichenobjekte, durch die Forderung, die Zeichnung geschickt auf der Papierfläche anzuordnen und durch die Gewöhnung an Sauberkeit in dieser Richtung eingewirkt. Durch Nebeneinanderstellung von schönen und weniger schönen Formen und Vergleich derselben wird der ästhetische Sinn schon im Unterricht der unteren Klassen geweckt. Dadurch, dass der Schüler nach körperlichen Gegenständen zeichnet, also die Erscheinung des Dreidimensionalen auf der Ebene darstellt, lernt er die Sprache, deren sich der Künstler, insbesondere der Maler, zum Ausdruck seiner Empfindungen bedient, ver- stehen und seinen Fähigkeiten entsprechend sich auch selbst darin ausdrücken. Dieses Ver- ständnis für die Ausdrucksweise der Künstler erhöht den Genuss, der ihm aus der Betrach- tung eines Kunstwerks erwächst. Er lernt die Welt mit den Augen des Künstlers ansehen, er lernt künstlerisch(ästhetisch) sehen. Im fakultativen Unterricht der oberen Klassen wird der ästhetische Sinn noch ausserdem gefördert durch kunstgeschichtliche Mitteilungen, die darauf hinzielen, die Schüler zu veranlassen, ein Kunstwerk mit denkendem Auge zu betrachten, ihr Verständnis für Kunstschöpfungen zu heben und sie so zum Kunstgenuss zu befähigen.

Die Ausbildung der manuellen Fertigkeit vollzieht sich ohne besondere Ubungen, die eine gewandte Hand bezwecken sollen, im Verlauf des Unterrichts durch die in der Schwierig- keit für Auge und Hand sich steigernde Aufgabenfolge. Die zeichnerische Fertigkeit, welche die Schüler des Gymnasiums sich erwerben, wird infolge der beschränkten Stundenzahl, welche diese Schulgattung dem Zeichenunterricht gewährt, eine geringere sein als diejenige, welche

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