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Es fragt sich nun, ist es denn nöthig dieser glühenden Masse eine Bewegung zuzu- erkennen? Allerdings muss sie eine solche besitzen, wenn auch ihre Bewegung nicht in Allem den Wogen der See zu vergleichen ist. Könnte uns vielleicht nicht die Gestalt und Configuration der Oberfläche unseres Planeten auf die Spur verhelfen, jene genauer kennen zu lernen? Wir meinen, es ist dies der einzig richtige Weg; suchen wir nicht auch aus dem Antlitze des Menschen, aus seiner äusseren Erscheinung auf sein Inneres zu schliessen? So gut das erlaubt ist und so sicher wir oft hierin treffen, so gewiss kann auch eine Betrachtung der Hülle über der feurig-flüssigen Masse zu einem günstigen Ergebniss über die Bewegungen derselben führen.
Jede Erdkarte ist ein historisches Gemälde und je mehr sie sich der grössten Genauig- keit nähert, desto deutlicher steht auch die Geschichte der Erde in ihr eingegraben. Schon eine ganz oberflächliche Betrachtung einer solchen Karte belehrt den Beschauer, dass zweierlei Vorgänge unserem Planeten seine heutige Gestalt gegeben haben: die Hebung und die Senkung. Auf jeden Gebirgszug, also auf jede Hebung folgt ein Tiefland oder eine Senkung.
Den gewaltigen Himalaya begleitet im Süden das Tiefland des Ganges und des Brahmaputra. 4
Das norwegische Gebirgsland hat im Südosten die schwedische Niederung, die Alpen die lombardische Tiefebene zur Seite, wie nicht weniger der Zug der Anden und das Felsen- gebirge die grossen Depressionen Nord- und Südamerikas. Auch die der Senkung gegenüber liegende Seite der Gebirgszüge bleibt nicht ohne bemerkenswerthe Eigenthümlichkeiten: Entweder ist die absolute Höhe über dem Meeresspiegel dort eine noch geringere, als auf der Jenseite, oder eine viel grössere, welche beide Fälle stets abwechseln.
Während das Tiefland des Himalaya gegen das Meer zu nur wenige Fuss über dem- selben erhoben ist, zeichnet sich der Nordabhang dieses Gebirges durch ein grossartiges Plateau aus, dessen Durchschnittserhebung weit über 10,000 Fuss steigt, es fällt aber nordwärts allmälig ab bis zur Gobiwüste, wo durch das langsame Anusteigen derselben zwischen beiden Plateaus eine Art von Kessel entstand, eine Vertiefung, wie sie bei einer sich fortwälzenden Woge beob- achtet werden kann. Kaum aber hat das»Sandmeer« in der Richtung des 49. Parallel seine bedeutendste Erhebung erreicht, fällt das Land nach Nordwesten zum Norden zu wieder ab, um darauf dem Rücken des Altai-Sajanischen und Daurischen Gebirges Platz zu machen, dem die allgemeine Nordsenkung des asiatischen Continents folgt.
Auch diese grosse Senkung verläuft nicht in einer vollendeten ebenen Fläche, sondern eine erhebliche Anzahl durch die Ebene von Westen nach Osten streichender Höhenzüge und Hügelketten unterbricht sie, immer niedriger und immer unscheinbarer werdend, ähnlich den äussersten Ringen ersterbender Wellen..
Und dem Beispiele des Ostens folgt nicht weniger der Westen. An Afrikas Nordküste überstürzt sich die Woge, ihrer Höhe folgt das Thal des Mittelmeeres, sich jenseits desselben wieder aufbauend in der Nevada, dann wieder niederstürzend zu Andalusiens Tiefebene und so fort bis zu dem fernen Pole.
Doch nicht so ruhig und bar aller Störung gleiten diese Wellen fort, ihr Weg wird vielfach unterbrochen von seitlich herandringenden Feinden, wie ja auch die Wogen des Oceans sich gegenseitig in die Bahn fallen und bekämpfen, sich aufbäumen und wieder in einander zusammenbrechen, und so das Schauspiel eines immerwährenden Kampfes bieten.
Auch in die Küste der Continente und Inseln hat die Welle ihr Bild eingezeichnet.
Alle grösseren Buchten haben zur Grundlinie den Kreis, und wenn sie darin abweichen, Musterschule 1877. 3


