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nach abwärts hat sich auch heute noch nicht geändert, noch immer gewinnt das Meer an Terrain, weil die Senkung noch nicht abgeschlossen ist. An dieser Bewegung betheiligt sich auch die englische Südküste, und wenn einzelne Forscher auch behaupten, dass der westliche Rand dieser Küste nicht in die Abwärtsbewegung hineinzuzählen sei, so beweist dies noch nichts; denn das Stück Landes, das in Betracht kommt, ist so unbedeutend, dass wol andere Umstände zur Annahme einer scheinbaren Erhebung dieser Erdenstelle führen müssen, als die der undeutlichen Strandstufen bei Plymouth, New-Quay und Falmouth. Uebrigens ist das Sinken an der englischen Küste viel unbedeutender zu nennen, als das an der französischen.
Der normännischen Inselgruppe droht hier dasselbe Schicksal, wie der friesischen oder den Inseln Helgoland, Norderney und Neuwerk. Der ganze Golf von St. Malo theilt im Ganzen die Geschicke seiner östlichen Verwandten, der Zuydersee und des Dollart. Wenn auch eigentliche historische Daten über seinen Einsturz nicht bekannt sind, so weist die Geschichte nichts weuiger grössere Einbrüche der See auf; sie berichtet von einem solchen im Jahre 709, bei welchem der Golf auf seiner Westseite Landverluste erlitt und diese Einbrüche haben sich bis in die neueste Zeit unter mehr oder weniger verderblicher Wirkung fortgesetzt. ¹)
Nicht minder ist auch die Westküste der Halbinsel Cotentin steten Landverlusten aus- gesetzt und Oskar Peschel berichtet, dass bei Coutances das Soulle-Flüsschen, das ehemals bei dem Felsen Roqui, der jetzt eine Stunde weit in der See liegt, ins Meer sich ergoss, nun um dieselbe Strecke landeinwärts seine Mündung verlegt habe.
Wenden wir uns auf unserer Wanderung von der Nordseite Frankreichs dessen West- küste zu, so finden wir fast nur sich hebendes Land. Der ganze Westen Frankreichs ist in einer Aufwärtsbewegung begriffen, an der zum Theil auch noch die angrenzenden spanischen Gestade participiren. Auch auf dieser Strecke liegt eine ältere und neuere Hebungsperiode auf der Hand. Die ältere begreift in sich einen Küstengürtel von durchschnittlich einer halben deutschen Meile Breite, der je weiter nach Süden zu immer ausgedehnter wird und schliesslich in den»Haiden« seine grösste Expansion erreicht. Der jüngere und neueste umfasst den Küstensaum von un- gefähr 10,000 Fuss Breite und verläuft von Süden nach Norden an Ausdehnung stets abnehmend- auf der Halbinsel Bretagne, wo weder Hebung noch Senkung bemerkbar ist. ²)
Der Verlauf der Hebung an der französischen Westküste ist ein peri- Dherischer. Die Südküste dieses Landes liegt in der Hebungsregion. Am qdeutlichsten tritt sie an den Mündungen der Rhône und bei den hyeèrischen Inseln zu Tage. Allerdings sind jene an der Rhoône mit sehr kritischem Auge zu betrachten, da bekanntlich die meisten Gebirgsflüsse an ihrer Mündung Land ansetzen. Sicherer können aber die bei den Hyèren beobachteten als wirkliche Hebungen bezeichnet werden; denn der Felsen der Insel Marguèrite zeigt ziemlich hoch über der heutigen Brandung, die Merkmale einer früheren, an den Auswaschungen erkennbaren.
Auch die Südküste der iberischen Halbinsel zeigt Spuren der Hebung. Die italienische Halbinsel dagegen scheint ein Schauplatz zwei widerstrebender Erscheinungen zu sein: der Hebung und der Senkung. Während nämlich die ganze Westküste der Halbinsel im Ganzen
¹) Penoock, Bericht 1866 vor der Londoner Geographischen Gesellschaft.
¹) Professor Ernst Hallier,»Ausflüge in die Natur.« Port Bohaus war einst ein Seehafen, die Holländer verluden dort Salz; jetzt liegt es 9000 Fuss vom Meere entfernt. Die ehemalige Insel Olonne ist jetzt nur noch durch Wiesen und Moräste vom Festlande getrennt; die Gegend hat wol deshalb ihren Namen ⸗Sables d'Olonne⸗ erhalten. Acehnliches findet man bei Marennes. In Bourgneuf bei La Rochelle liegt das Wrak eines im Jahr 1752 auf einer Austernbank gescheiterten englischen Schiffes mitten in einem bebauten Felde, 14 Fuss hoch über dem Meeresspiegel. Die Insel Oleron sieht ihrer baldigen Vereinigung mit der Küste entgegen.


