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Wenden wir unser Augenmerk von der Westküste Schleswig-Holsteins auf dessen Ost- küste, so begegnen uns auch dort und im weiteren Verlauf an der ganzen deutschen Nordküste bis Memel hin eine Menge von Anzeichen eines siegreichen Kampfes des Meeres mit dem Lande.— Auch hier lässt sich die verloren gegangene alte Küste im Allgemeinen durch eine gerade Linie bestimmen, deren Richtung von der Eckernförder Bucht nach Osten zu geht, an die Südwestecke des curischen Haffs stösst, um von da aus nach Norden umzubiegen, an der Küste Curlands entlang zieht und bei Abo ihr Ende erreicht.
Innerhalb dieser Linien und dem heutigen Festlande dehnt sich ebenfalls ein grosser Senkungsgürtel aus. Unter demselben liegen Fehmarn, Rügen, Wollin und Usedom. Auch begegnen wir an der preussischen Küste ähnlichen Erscheinungen wie an der holländisch-olden- burgischen: gewaltigen Einbuchtungen und Ausschwemmungen, wie denen der Swinemünder-, Danziger- und Lübecker-Bucht. Wenn nun auch die Geschichte nichts erzählt von gewaltsamen Landvernichtungen durch das aufgeregte Meer, so muss uns doch schon der einfache Augenschein belehren, dass wir es westlich und östlich der jütischen Halbinsel mit denselben Erscheinungen zu thun haben. Recht belehrend ist in dieser Beziehung auch die Seekarte der Ostsee, die uns recht deutlich ein Bild des Thales, das zwischen Deutschland und Schweden sich ausdehnt, ent- wirft. Allmählig fällt dieses baltische Thal gegen den 55. Parallelkreis hin ab, um von da an sich wieder bis an Schwedens Küsten, allerdings in etwas mächtigerer Steigung zu heben. Und kommt es uns nicht vor, wenn wir die Meerestiefen in ost-westlicher Richtung verfolgen, als ob wir das Bett eines einstigen grossen Flusses betrachteten, dessen reiche Ufergelände von einer grossartig wuchernden Flora bedeckt waren, deren Ueberreste uns heute noch das über jene Ur- wälder ausgegossene Meer im Bernsteine an die Küsten treibt?
Das sind allerdings längst vergangene Zeiten, es sind jene Zeiträume, in denen ein grosser breiter Gürtel nördlich von der von uns gezogenen Hiifslinie in die Tiefe sich senkte, im Einsturz die Zertrümmerung der Ostküste Jütlands und Schleswigs und ihre Trennung von Schweden herbeiführte und den Wogen der Nordsee den Weg in das baltische Thal eröffnete. Und nichts ist der Woge der Zerstörung entgangen, was sinkend den Keim des Verfalles in sich barg. 1) Bornholm allein und einzelne kleine Inseln sind die Marksteine einer früheren Zeit- periode, die der allgemeinen Vernichtung nicht anheim fielen, nun eine gegentheilige Bewegung auszuführen beginnen: von der Tiefe zur Höhe.— Viel jüngeren Datums ist die Losreissung der Insel Rügen von dem Festlande; sie hing bis 1303 mit Ruden zusammen ²) und ebenso war die Sandbank vor dem Hafen von Swinemünde mit Usedom und auf der andern Seite mit dem Festlande verbunden. ²) Im Jahre 1510 erst bildete sich bei Pillau die Oeffnung des frischen Haffs 11,000 Fuss breit und 76— 90 Fuss tief. 4)
Begeben wir uns von den Küsten des baltischen Meeres an die des Kanals, so treffen wir, wie schon erwähnt, fast nur sinkendes Land. Auch hier constatirt die Geologie eine ältere Senkung. Hat der Durchbruch der Gewässer des Atlantik die Verbindung zwischen ihm und der Nordsee hergestellt, oder das Eindringen der Gewässer der letzteren in die sich vollziehende Senkung mit jenem? Zweifellos kam von Osten her das Verderben, England und Frankreich wurden durch die Gewässer der Nordsee geschieden. Die ursprüngliche Bewegung der Küsten
¹) O. Peschel,»Neue Probleme« Seite 103. Die See greift mit Glück nur ein sinkendes Land an. ²) Hallier»Ausflüge in die Natur«. ³) Hallier, Ausflüge etc. Seite 57. ¹) O0. Peschel, Neue Probleme.


