Aufsatz 
Über die Ausdehnung der säkularen Bewegungen des festen Erdbodens : 1. Teil
Entstehung
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4 schleswigischen Halbinsel Eiderstedt an in west südwestlicher Richtung verlief und bei Calais endete. Von diesem alten Strande ist nichts mehr vorhanden, als einzelne kleine Inselchen, die sich fast von Jahr zu Jahr verkleinern und wol schliesslich auch dem Geschicke der einstigen Küste, dem vollkommenen Untergange anheim fallen werden. ¹)

Auffallend ist aber die Erscheinung, dass das ursprüngliche Senkungsgebiet, welches, wie gesagt, von ONO nach WSW verläuft, eine Abzweigung nach Norden zu aufweist und zwar so, dass diese fast senkrecht auf das erstere stösst: wir meinen das Untertauchen der West- und allerdings im geringeren Massstabe auch das der Ostküste von Schleswig und Holstein. Ziehen wir eine gerade Linie von Blaavands Huck auf Jütland nach Süden, so trifft dieselbe die Jahdemündung, ein schon oben erwähntes grosses Senkungsgebiet; zwischen dieser Linie und dem jütisch-schleswig-holsteinischen Festlande liegt aber ein noch viel grösseres. Wir begegnen einem wahren Trümmermeere von Landresten, Theilen der einstigen Westküste von Jütland und Schleswig..

Auch hier liegen die Inseln fast durchweg parallel mit dem jetzigen Küstensaume, gerade so, wie die friesischen Inseln zwischen Texel und Elbemündung, die ja auch fast genau der Küstenlinie folgen. Und wie das Zerstörungswerk des Meeres bei letzteren bis auf den heutigen Tag fortdauert, ²) so ist es auch im nicht geringeren Masse bei jenen der Fall.

Eigenthümlich ist auch der Gang des Zerstörungswerkes. Nicht auf der Nordseite, sondern von Westen her droht den nordfriesischen Inseln der Untergang. Mit Ausnahme einzelner gewalt- samer Trennungen und Störungen, wie z. B. der Insel Nordstrand, ³) Sylt und Amrom, sinken diese Inseln alle langsam nach der Westseite zu ins Meer und werden daher immer schmäler und nach Norden und Süden zu spitzer, während gerade umgekehrt die friesischen Inseln die letztere Erscheinung auf ihrer Ost- und Westseite zeigen. Beide Phänome haben in der an den fraglichen Küsten herrschenden Meeresströmung ihren Grund. Dieser Umstand mag uns auch zeigen, dass die Küsten der ehemaligen Provinz Friesland viel weiter ins Meer hinausgeragt haben müssen, und dass die erste Senkungslinie wol östlich der von uns gezogenen Geraden gelegen hat. Eine frühere Senkung fand jedenfalls zur selben Zeit statt, als die jenes Küsten- striches vor sich ging, dessen östlicher Punkt Helgoland und dessen westlicher»Goodwins Sands« an der Ostküste von England ist.

Die fast gleichmässige geringe Tiefe der Nordsee auf diesem Gürtel, die vielen Untiefen und Sandbänke, alles das zeigt, dass das Meer nur mit Mühe im Stande ist zu beherrschen, was ihm als Beute in Folge eines ewigen Naturgesetzes in den Schooss gefallen.

Suchen wir nach dem Gesagten die alten Landesgrenzen der erwähnten Nord- und Westküste, so finden wir sie westlich und nördlich von der heutigen Insel Helgoland verlaufend, also so gelegen, dass letztere Insel im Scheitel des durch die beiden Küstenlinien gebildeten rechten Winkels zu suchen ist, aber nicht Insel, sondern ein nördlicher Vorsprung des heutigen Germanien.

¹) O. Peschel,»Neue Probleme« sagt: Dass sich Deutschland bis zur Insel Helgoland einst erstreckt haben möge, dafür lässt sich als Beweis anführen, dass auf den ostfriesischen Inseln Bernstein vom Meere an- gespült wird; denn wo dies geschieht, muss nothwendigerweise ein ehemals trockenes Land, welches die Bernstein- wälder trug, in das Meer hinabgetaucht sein. Auch durch andere Pflanzenbildungen wird die Senkung bestätigt-

²) Plinius zählt 32 friesische Inseln, gegenwärtig sind nur noch 15 vorhanden, alle übrigen sind in das Meer gesunken und verschwunden.

³) O. Peschel,»Ueber das Aufsteigen und Sinken der Küsten.« Nordstrand, ehemals ein Theil des Festlandes, wurde 1240 eine grosse Insel und dann durch Ueberflutung 1634 zerrissen.