Aufsatz 
Über die Ausdehnung der säkularen Bewegungen des festen Erdbodens : 1. Teil
Entstehung
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Der Boden von Christiania und Petersburg befindet sich im momentanen Stillstande, während er südwärts von beiden Städten ins Gegentheil, von der Hebung zur Senkung, übergeht.

Ein Emporsteigen des Bodens lässt sich auch an der Mündung des Göta-Elf nachweisen, jedoch thut hier Vorsicht noth, da an Flussmündungen sehr leicht durch Ablagerung des Detritus eine scheinbare Landzunahme in verticaler Richtung sich zeigen kann, die mit unserer Bewegungs- annahme der ganzen Erdrinde nichts zu thun hat. ¹)

Forchhammer nimmt ferner an, dass Schonen, die Insel Seeland und Mön, die Halb- insel Jütland und die Insel Bornholm sich in neuester Zeit gehoben haben, während Lyell ihnen eine Periode des Stillstandes vindicirt.

Schreiten wir noch weiter nach Westen vor, so begegnen wir an den Ost- und West- küsten der britischen Inseln fast durchweg Hebungen des Bodens; die gesammte Westküste Eng- lands hat sich gehoben, dasselbe kann von dem grösseren Theile der Westküste Schottlands behauptet werden. An der Küste von Carnavonshire beträgt die Hebung nach Angaben des Sir Horner 1000 Fuss ²); am Clyde, im Westen des schottischen Hochlandes entdeckte nach Hallier J. Smith Muschelbänke 40 und am Loch Lomond 70 Fuss über dem Meere, aus jetzt lebenden Arten gebildet. Ueber die Nordküste Schottlands liegen keine Beobachtungen vor, wir werden aber im Verlaufe unserer Abhandlung dahin kommen, sie zu den sich hebenden zu zühlen. Die Ostküste dieses Landes hingegen ist von W. J. Hamilton untersucht worden und beträgt deren durchschnittliche Erhebung wahrscheinlich 67 Fuss über den jetzigen Meeresspiegel.

Die Ostküste von England scheint sich unbedeutend zu heben. Für Irland wird hin- gegen ein Aufsteigen der Küste von mehr als 200 Fuss angenommen.

b) Senkungen.

Diesem nordeuropäischen Hebungsgebiet gegenüber finden wir einen grossartigen Senkungs- gürtel; er erstreckt sich von der Mündung der Memel bis in die Mitte des Kanals, umfassend den Norden Deutschlands, der Niederlande und Frankreichs.

Diese umfassende Depression der Küsten erreicht ihren Höhepunkt am holländisch- friesischen Gestade.

Wie viele Hunderte von Quadratmeilen fruchtbaren Landes hat hier der nimmermüde Ocean verschlungen und wie viel mehr würde er noch verschlingen, wäre ihm nicht ein Damm gesetzt in der unendlichen Ausdauer, mit der Holländer und Friesen durch Deiche und gross- artige Dämme ihr Land vor dem stets kampf- und raublustigen Feinde schützen. Die Geschichte erzählt uns von einzelnen grösseren Einbrüchen der See, durch welche Land untergegangen und das Meer an dessen Stelle getreten ist. Die Zuydersee ist eine solche Stelle; sie entstand im 13. Jahr- hundert in Folge einer gewaltigen Sturmflut, die den schmalen Landstreifen, der die Nordsee vom Zuyder Binnensee trennte, vernichtete. Auf ähnliche Weise erfolgte der Einsturz der Dollart- bucht im Jahre 1277 und der des Jahdebusens. Allerdings sind das nur Fälle des momentanen Einbruchs von Landstrecken, dass aber dieser ganze Küstengürtel schon seit langer Zeit in der Abwärtsbewegung begriffen ist, zeigt wol am deutlichsten die alte Gestadelinie, die von der

¹) Der Hafen von Göteborg hat zweimal verlegt werden müssen; im 16. Jahrhundert hiess er Lödese, musste aber später 20 Meilen weiter abwärts angelegt werden unter dem Namen»Neu-Lödese«. Jetzt liegt Neu-Lödese eine Meile vom Meer entfernt und heisst Gonnale-Staden, d. h. Altstadt.(Ernst Hallier, Ausflüge in die Natur, Seite 56.)

²) Hallier, Ausflüge.