Aufsatz 
Eine Studienreise nach den Vereinigten Staaten
Entstehung
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eine Higli School, die als Frucht eines zweijährigen Musikunter- richts von wõchentlich einer Stunde einen dicken Band eigener Kompositionen der Schüler Nocturnes, Reveries, School Songs, Fantaisies u. s. W. vorlegte! Damit wird die Sache doch be- denklich, und ein kühler, aber dicker Wasserstrahl nüchterner Kritik wäre da sehr am Platz, damit das schon an sich recht stark entwickelte Selbstgefühl der amerikanischen Jugend nicht in wirklichen Größenwahn ausarte.

Unter den Vorzügen, die man beim Studium der ameri- kanischen Schulausstellung erkennen konnte, hebe ich zunächst einen rein àußerlichen hervor, der aber um so deutlicher in die Augen fiel: die durchweg leserliche, meist sogar gute Hand- schrift der Schüler. Es ist ganz unzweifelhaft, daß sich unter allen Kulturnationen die deutsche durch ihre unleserliche Hand- schrift am wenigsten vorteilhaft auszeichnet, während französische, englische und amerikanische Handschriften im Durchschnitt be- deutend besser sind. Ob dies mit der beklagenswerten Zwie- spältigkeit unseres Schriftwesens zusammenhäangt, die uns zwingt, von Kind auf den ganz überflüssigen Luxus zweier Schreib- und Druckschriften zu pflegen, lasse ich dahingestellt; jedenfalls wäre es sehr gut, wenn unser Volk möéglichst bald von diesem nicht bloß unnützen, sondern auch beschwerlichen Ballast be- freit würde.

Ein ganz eigenartiger Brauch, der in Amerika gang und gäbe ist, während er bei uns so gut wie unbekannt zu sein scheint, ist die Einfügung von Zeichnungen aller Art in schriftliche Ausarbeitungen: nicht bloß, daß z. B. bei natur- wissenschaftlichen Aufsätzen die besprochenen Gegenstände Fiere, Pflanzen und ihre Teile mitten im Texte zeichnerisch dargestellt werden, wobei die mannigfaltigsten Techniken zur Verwendung kommen, sondern auch geschichtliche, erdkundliche und literarische Abhandlungen sowie die gewöhnlichen Aufsätze in der Muttersprache sind durchgängig mit mehr oder weniger passenden Zeichnungen aller Art durchsetzt illustriert, kann man ruhig sagen. Uber Art und Umfang dieses Verfahrens läßt sich sehr oft streiten; der Gedanke selbst aber verdient ganz entschieden Nachahmung. Zumal in solchen Schulen, wo sich der Zeichenunterricht von der alten, schematischen Lehrweise mit Lineal und Gummi losgerissen hat und eine freie, dem kind- lichen Vermögen angepaßte Wiedergabe des sinnlich Erfaßten durch die zeichnerischen Ausdrucksmittel erstrebt, würde eine

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