Dr. Harris, eines der beredtesten Fürsprecher klassischer Bildung in Amerika; aber nach der ganzen Richtung des amerikanischen Schulwesens ist vorauszusehen, daß dies nur eine vorübergehende Erscheinung ist, die sich z. T. durch den verstärkten Andrang der Mädchen zu den High Schools erklärt: während die Knaben genôtigt sind, sich von vornherein mehr praktischen Unterrichts- gegenständen zuzuwenden, wählen die Mädchen vielfach grade die Humaniora, insbesondere englische Literatur und Latein, für ihre Studienzwecke aus.
An der Beschaffenheit der in St. Louis ausgestellten schrift- lichen Arbeiten ließ sich noch ein allgemeiner Nachteil des ganzen amerikanischen Unterrichtswesens erkennen, den ich schon vorher bei meinen Besuchen in den verschiedenen Schulen hatte fest- stellen können: das ist das viel zu rasche Hinweggehen über die Anfangsgründe und im Anschluß daran die Be- handlung von Dingen, die für die betreffende Altersstufe in der Regel wenig geeignet sind. Müssen wir schon in Deutschland bei unserm Unterricht manchmal die unangenehme Wahrnehmung machen, daß wir über die Köpfe der Jugend hinausdoziert haben, so ist das in Amerika ganz entschieden allgemeine Regel. Die Folge davon ist, daß die wirklichen Ergebnisse des Unterrichts oft sehr weit hinter dem idealen Lehrplan des Schulprogramms zurückbleiben, und daß sehr häufig gedankenloses Nachbeten vordozierter Phrasen an die Stelle von wirklicher eigener Arbeit tritt. Grade in dieser Hinsicht werden sich die amerikanischen Schulen noch recht große weise Beschränkung auferlegen können, ohne dabei befürchten zu müssen, in einen geisttötenden Formel- kram zu verfallen. Aber welchen Zweck hat es z. B., im zweiten Jahre französischen Unterrichts einen„Originalaufsatz über Molière“ in der Fremdsprache schreiben zu lassen, der in Form wie Inhalt gleich erschreckend dürftig ist, oder als Lektüre für das vierte(letzte) Jahr französischen Unterrichts bei drei Wochen- stunden aufzustellen: Horace, Le Cid, Fabeln von Lafontaine, Andromaque, Athalie, Le Bourgeois Gentilhomme, Les Précieuses Ridicules, eine Auswahl aus V. Hugo und Cyrano de Bergerac! oder im 3. Jahre des englischen Unterrichts einen Aufsatz über folgendes Thema aufzugeben: Das 14. Jahrhundert eine Periode sittlichen Verfalls, nachgewiesen an Chaucers Canterbury-Ge- schichten; oder im 4. Jahre metrische Dramatisierungen des ersten Buches der llias als Aufgabe zu stellen und was der- gleichen mehr ist. Das Unglaublichste in dieser Hinsicht leistete
24


