streng ins Gericht gehen, wie man vom europaischen Standpunkt aus zunächst gern mõchte. Man darf nicht vergessen, daß wir hier in Europa, wo die verschiedenen Nationen so dicht zusammen- gedrängt sind, wo sie bei den intensiven geschäftlichen und geistigen Beziehungen auch notwendigerweise in hàufige persön- liche Berührung miteinander kommen, schon deswegen viel mehr auf eine mündliche Beherrschung der hauptsächlichen Fremd- sprachen angewiesen sind; für den Amerikaner dagegen fällt dieser praktische Gesichtspunkt so gut wie ganz weg: wie er politisch der allein maßgebende Faktor in der Neuen Welt ist, so beherrscht auch seine Sprache den ganzen Kontinent, ja die ganze Welt; und kommt er wirklich einmal mit einem anders Sprechenden in Berührung, so erwartet er als selbstverständlich, daß dieser seine, des Amerikaners, Sprache rede. Für die ganz überwiegende Masse des Volkes kommt daher bei der Sprach- erlernung einzig und allein der Gesichtspunkt in Betracht, daß sie soviel von der Fremdsprache lernen wollen, als zum Ver-— ständnis der in ihr geschriebenen Bücher, bezw. Briefe, notwendig ist. Indessen sehen auch die Amerikaner immer mehr ein, daß selbst für diesen beschränkten Zweck die gegenwärtige Art des sprachlichen und insbesondere des neusprachlichen Unterrichts sehr unvollkommen und reformbedürftig ist. Denn es geht doch selbst bei der mildesten Auffassung schlechterdings nicht an, deutsche und franzõsische Texte wie englische anzusehen und demgemäß auszusprechen, wie man das in manchen Schulen, ja sogar noch in Colleges nicht selten hören kann!
Läßst sich somit für den mangelhaften neusprachlichen Unterricht immerhin noch eine praktische Entschuldigung geltend machen, so fällt diese für den altsprachlichen ganz weg, und angesichts der im großen und ganzen recht dürftigen Er-— gebnisse einer mühsamen, öden UÜbersetzungstätigkeit fragt man sich immer und immer wieder, wozu eigentlich die Amerikaner noch Latein und Griechisch auf ihren Schulen treiben. Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen traf ich bei der Durchsicht der lateinischen und griechischen Hefte auf eine schriftliche Dar- stellung, die etwas Verständnis für antikes Leben, für klassische Archäologie und dgl. verriet; es ist daher kaum zu bedauern, daß der griechische Unterricht an den High Schools immer mehr zurückgeht. Die Teilnahme am lateinischen Unterricht zeigt in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Zunahme, offenbar unter dem Einfluß des Direktors des Bureau of Education in Washington,
23


