Aufsatz 
Zur Reform des planimetrischen Unterrichts mit besonderer Rücksicht auf Realschulen / von Ernst Höbel
Entstehung
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Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht der Neuen Realschule zu Kassel, Ostern 1890.

Zur Reform des planimetrischen Unterrichts

mit besonderer Rücksicht auf Realschulen.

Von

Oberlehrer Dr. Ernst Höbel.

Wenn wir die an unseren höheren Schulen im Gebrauch befindlichen Lehrbücher für Mathe- matik oder auch die Ansichten der Fachgenossen hinsichtlich der methodischen Behandlung und der Verteilung des Stoffes auf die einzelnen Klassenstufen mit einander vergleichen, so werden uns trotz des Aufschwungs, den die mathematische Disziplin in neuerer Zeit genommen hat, immer noch grosse Verschiedenheiten entgegentreten. Namentlich gilt dies von der Geometrie bezw. Plani- metrie in den unteren Klassen Quarta und Tertia, während in den oberen Klassen der mathematische Unterricht im Grossen und Ganzen einer mehr gleichartigen Behandlung sich erfreut. Nun ist zwar zuzugeben, dass auch in der Mathematik, wie auf vielen anderen Gebieten, verschiedene Mittel und Wege unter Umständen gleich leicht und sicher zum erstrebten Ziele führen können; ausserdem hat der Lehrer in seinem Unterrichte auf Charakter und Ziel seiner Anstalt, auf Be- anlagung und Individualität seiner Schüler vornehmlich Rücksicht zu nehmen; und schliesslich hängt der Erfolg des Unterrichts nicht nur von der Methode und der Einrichtung des vom Schüler benutzten Lehrbuches, sondern ganz gewiss auch von der Persönlichkeit und den päda- gogischen Eigenschaften des betreffenden Lehrers ab. Bei aller Berücksichtigung dieser Umstände und zugestanden, dass heutzutage die Geometrie an unseren höheren Schulen sozusagen praktischer und anschaulicher betrieben wird, dass man sich jetzt nicht etwa in reinerVerinnerlichung gefüllt und Geometrie nicht ein Auswendiglernen von Lehrsätzen und Beweisen bedeutet, so scheint mir doch der geometrische Unterricht in den unteren Klassen in Bezug auf Form und Ausdrucks- weise von Lehrsätzen und Erklärungen, auf Auswahl und Behandlung des Stoffes, sowie Ver- teilung desselben auf die einzelnen Stufen noch besserungsbedürftig zu sein.

Die Hauptforderung, die der Lehrer in seinem geometrischen Unterrichte zu erfüllen hat, besteht darin, dafür zu sorgen, dass der Schüler von Anfang an richtige Vorstellungen und klare Begriffe der geometrischen Gebilde gewinnt. Zu diesem Zwecke darf die Geometrie nicht nur als

Gedächtnissache behandelt werden, sondern der Unterricht muss sich gründen it aisohäude und