Aufsatz 
Die sozialen Fragen der Gegenwart im evangelischen Religionsunterricht höherer Schulen / von L. Hochhuth
Entstehung
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Zu seiner besonderen Lebensarbeit wird der Christ von seinem Gott berufen, der ihm eigentümliche Anlagen giebt. Aber selbst wenn sich ihrer Ausbildung Hindernisse in den Weg stellen, So soll der Christ, indem er auch hier Gottes Hand sieht, den ihm irgend- wie aufgedrungenen Beruf nicht mürrisch ertragen, sondern ihn als einen Dienst gegen Gott mit Treue erfüllen.

Ist das Bigentum nach kath. Anschauung(siehe S. 27) eben- falls ein Hindernis beim Streben nach dem Höchsten, so lehrt die Augustana in Art. 16,dals die Christen mögen Eigenes haben. Zur Erlâuterung dieser evang. Auffassung kann ich mich auf das oben Gesagte(S. 20, 27, 29 f.) beziehen.

Es bleibt nunmehr noch übrig im Anschluls an Art. 1 der Augustana die materialistische Weltanschauung. welche das Rück- grat der Sozialdemokratie bildet, zu bekämpfen. Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier die Anschauungen des Materialismus wider- legen zu wollen, umsoweniger, da ich die hierzu notwendige breitere Darstellung für die Schule nicht für richtig halte; nur allgemeine Gesichtspunkte können hier aufgezeigt werden. Andrerseits aber halte ich den Kampf gegen den Materialismus für notwendig, da er nicht nur der Sozialdemokratie dieWissenschaft ist, sondern als das Selbstbewuſstsein der ganzen gottentfremdeten modernen Welt sich in einem grolsen Teile der Tages- und Unterhaltungslitteratur preit macht. In der Sozialdemokratie ist er zu seinen praktischen Konse- quenzen geführt, so daſs ihr das wirtschaftliche Leben als das höchste Ziel der Menschheit gilt. Aber sie selbst beweist ja grade die Macht der sittlichen Gedanken dadurch, dals sie nicht völlig auf diesen tierischen Standpunkt, wo die Magenfrage der Mittelpunkt des Daseins geworden, herabgesunken ist. In seiner Weise hält auch der Sozialdemokrat im Verkehr mit den Genossen fest an den sittlichen Forderungen des Gewissens und folgt nicht dem Natur- trieb des Eigennutzes. Indem er diesem Naturtrieb widerstreben kann, zeigt er, daſs das persönliche Leben in ihm doch mächtiger ist als der Zwang der äufseren Verhältnisse, als deren Produkt ihre materialistische Theorie den Menschen ansieht. So kommt er in seiner Praxis in Widerspruch mit der Theorie infolge einer inneren Macht, die sich wissenschaftlicher Erkenntnis zwar entzieht, aber

¹) Vergl. hierzu besonders Herrmann's Vortrag über Religion und Sozialdemokratie; Flügel, Die Seelenfrage, 2. Aufl., Köthen 1890; Flügel, Uber die persönliche Unsterblichkeit, 2. Aufl., Langensalza 1892.