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sich nichtsdestoweniger als eine unabweisbare Thatsache ihm dar- stellt. In diesen Widerspruch aber wird jeder geraten, der in der Theorie der materialistischen Auffassung zuneigt, in der Praxis aber vor sittlicher Verkommenheit sich bewahren will. In den Schülern der oberen Klassen pflegt das Ehrgefühl, die Freude an dem sittlich Hohen, die Schätzung der Freundestreue sehr bedeutend zu sein, daneben geht aber eine durch ungelöste, allerdings oft recht sonder- bare Zweifel allmählich sich festsetzende Geringschätzung der Glaubensgedanken, so dals es der Atmosphäre der materialistischen Weltauffassung, von der wir alle umgeben sind, nicht schwer fällt, Einfluls auf sie zu gewinnen. Unter diesen Umständen dürfte für unseren Zweck die Betonung des persönlichen Lebens, das sich dem von dem Materialismus behaupteten Kausalnexus alles Geschehens entzieht, am wirkungsvollsten sein. Man wird die Naturwissenschaft mit den üblichen Vorwürfen verschonen; denn abgesehen davon, daſs diese Vorwürfe nicht immer gerecht sind, wird man höchstens einen ganz vorübergehenden Eindruck erzielen, und die Abwendung von dem so verteidigten Christentum wird bei vielen um so gründlicher sein. Dagegen ist folgendes zu betonen: 1) Die Naturwissenschaft hat auf ihrem, nämlich dem physikalischen Gebiet den naturgesetz- lichen Zusammenhang wahrscheinlich gemacht; doch 2) sind die von ihr aufgestellten Gesetze nicht als Kräfte vorzustellen, sondern als durch Erfahrung gefundene Wirkungsweisen. Durch neue Erfahrungen ist die Erkenntnis dieser Wirkungsweisen zu erweitern bezw. zu ver- bessern. 3) Diese Wirkungsweisen auch in ihrem letzten Grunde von Kräften materieller Art ausgehen zu lassen, ist eine Glaubens- vorstellung des Materialismus, ebensowenig beweisbar und daher nicht„wissenschaftlicher“ als der Glaube an Gott. 4) Die mate- rialistische Vorstellung hat ohne Berechtigung das physikalische Gebiet überschritten und die daselbst gewonnenen Anschauungen auf das in geschichtlicher Entwicklung sich ausgestaltende Personen- leben übertragen. Dabei ist sie zu unbeweisbaren Behauptungen gekommen, denen die Erfahrungen des Geisteslebens auf das stärkste widersprechen. 5) Dagegen ist die christliche Weltauffassung aus diesem sittlichen Personenleben hervorgegangene freie UÜberzeugung, die ihre Garantie nicht in einer wissenschaftlichen gesetzmälsigen Erkenntnis, sondern in dem persönlichen Leben Jesu Christi hat. 6) Als Ziel alles Lebens sieht sie die Vollendung des geistig-sittlichen Lebens an, hierfür ist die physische Seite der Welt nur ein Mittel,


