Aufsatz 
Die sozialen Fragen der Gegenwart im evangelischen Religionsunterricht höherer Schulen / von L. Hochhuth
Entstehung
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ist, zur Vollendung kommt, kann sich auf des Paulus Rat stützen: Ein Jeglicher bleibe in dem Berufe, darinnen er berufen ist (1. Kor. 7, 20), wodurch selbst die Arbeit des Sklaven als ein Gottes- dienst geachtet wird. In unserem Jahrhundert ist im Gegensatz zu der geringschätzigen Beurteilung seitens des Altertums und der auch nicht gerade hohen Beurteilung seitens der mittelalter- lichen Kirche, die Arbeit so hoch geschätzt, dals viele ihren einzigen Lebenszweck darin sehen und über ihr das himmlische Ziel ver- gessen. Nicht nur aus Gewinn- und Genufssucht, sondern aus Pflicht- gefühl sind sie darin treu, fleiſsig und arbeitsam, aber sie bringen sich selbst um das, was ihrer Arbeit Kraft, Segen und Berechtigung giebt. Besonders grols ist diese Gefahr für die, welche sich mit der Wissenschaft beschäftigen. Wenn grade in unserer Zeit sich unter den Arbeitern ein reges Verlangen nach Geistesbildung zeigt, so ist damwit von ihnen vielleicht gegen ihre sonstigen nur Hand- arbeit schätzenden Ansichten bewiesen, dals es Höheres giebt als Hand- arbeit und materielles Genielsen; aber dieses Höhere, das Erkennen, das Wissen wird vielfach von seinen Jüngern als Selbstzweck angesehen. So ist es die Pfticht der Schule, diesen Unsegen abzuwenden von ihrer Arbeit. Der Religionslehrer darf das nicht durch geringschätzige Urteile über das Wissen thun; er würde damit die Aufgabe der Schule selbst herabsetzen und, sofern er überhaupt eine Wirkung damit erzielt, manchem Schüler die notwendige Freude, die ihm der künftige Beruf gewähren soll. schmälern. Vielmehr mulſs er nachdrücklich betonen, dals der Christ sich jedes Fortschritts in der Wissenschaft, jeder Entwicklung in der Kunst freut, sofern das menschlich Schöne, Gute und Edle dadurch geweckt wird. daſs aber das wahrhaft allgemeine Menschliche der himmlische Beruf ist. Der für die soziale Gestaltung eines Volkes wichtige Gedanke, wie er in der Fabel des Menenius Agrippa ausgesprochen ist, findet sich in dem Neuen Testament(I. Kor. 12, 14 26; Röm. 12, 4.5). Nicht in der völlig gleichen Arbeit, sondern in dem harmonischen Zu- sammenwirken mannigtaltigter Berufsarten liegt die Kraft der Ge- sellschaft, zu deren Entwicklung nur derjenige einen wahrhaft för- dernden Beitrag liefert, welcher eine individuell gestaltete Arbeit verrichtet. Darin liegt aber auch die Anforderung, einer jeden Berufsart seine Ehre zu geben, so dals kein Stand sich über den andern erheben darf. Christliche Liebe muls besonders darauf hin- wirken, die immer schroffer werdende Kluft zwischen den Ständen zu überbrücken.