Aufsatz 
Die sozialen Fragen der Gegenwart im evangelischen Religionsunterricht höherer Schulen / von L. Hochhuth
Entstehung
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der Verfolgung, und für sie gebetet. Sobald die Christen aus diesem passiven Verhalten dem Staate gegenüber heraustraten, genügte der Gehorsam nicht mehr, sondern sie mulsten mit ihren sittlichen An- schauungen Einfluſs auf den Staat zu gewinnen suchen. Der Ver- such der katholischen Kirche, das christliche Ideal völlig im Staate durchzuführen, milslang; denn es fand überall eine Abschwächung des Ideals statt, die Liebespflicht wird zur Rechtspflicht herab- gestimmt, und es muſs schlielslich zwischen einer höheren und niede- ren Stufe der Sittlichkeit geschieden werden. Dieser Abschwäch- ung entgentretend suchten Arnold von Brescia, Savonarola und eine religiöôse Schwärmerei, deren Vertreter die Bauernaufstände, Karlstadt und die Münster'sche Rolle sind, das einmal aus- gesprochene Prinzip durchzuführen, wobei die Auflösung des Staates und aller sittlichen Ordnungen(Obrigkeit, Gericht, Eidespfiicht, Eigentum, Ehestand und Hauszucht) die Folge gewesen wäre. Gegen sie eiferte besonders die Reformation, welche im bewuſsten Gegen- satz zu der bisherigen Entwicklung dem staatlichen Recht wieder Selbständigkeit und Würde gegeben. In der kraftvollsten Weise hat Luther Gehorsam gegen die Obrigkeit verlangt und gelehrt, dals man die leitenden Grundsätze für das staatliche Recht nicht der h. Schrift entnehmen dürfe. Immer klarer hat sich der Unter- schied zwischen Staat und Gottesreich auf evangelischer Grundlage herausgestellt; handelt es sich in letzterem um die Gesinnung der Menschen, so will der Staat durch seine Rechtsordnung nur die äuſseren Verhältnisse und Handlungen eines Volkes und seiner Glieder orduen, er will die Lebensbedingungen der Gesellschaft im weitesten Sinne sichern und fördern. Da die Sozialdemokratie nun das Ziel der Gesellschaft nur in materiellem Genuſs sieht, so konnte sie den Staat für eine Erfindung halten, durch welche nur die wirtschaft- lich Stärkeren geschützt würden, und den Gehorsam gegen ihn als un- würdige Sklaverei brandmarken. Wie sie allerdings mit ihrer Auf- reizung gegen jegliche Autorität in der von ihr erstrebten Gesell- schaftsordnung auszukommen gedenkt, ist unerfindlich. Für den Christen ist das Ziel der Menschheit ein sittliches, und die staatliche Orduung gilt ihm als ein wertvolles Mittel zur Erreichung desselben, also als eine Gottesordnung, für deren Bestand er beten kann(1. Tim. 2, 1 f.). Freie sittliche Handlungsweise, also sittliche Charakterbildung, ist nur auf dem Boden eines anerkannten, ge- ordneten Rechtes möglich. Der Obrigkeit, der Vertreterin dieser