Aufsatz 
Die sozialen Fragen der Gegenwart im evangelischen Religionsunterricht höherer Schulen / von L. Hochhuth
Entstehung
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gegen alle Obrigkeiten verbanden und eine Auflösung der bestehen- den sozialen Zustände beabsichtigten, etwas eingehender zu schildern. zumal dies auch das Verständnis von Art. 16 des Augsburgischen Bekenntnisses erleichtert.

Unter den Segnungen der Reformation dürfen die Einflüsse der- selben auf die soziale Entwicklung der Menschheit nicht vergessen werden; die Obrigkeit wird wieder zu einer wertvollen Gottesordnung, der Beruf eine sittliche Aufgabe des Menschen, die Ehe von allen sie erniedrigenden Anschauungen befreit und das Eigentum von dem Verdachte gereinigt, als ob es an sich sündig oder eine Folge der Sünde sei. Hat die sittliche Auffassung des Berufes, der täglichen Arbeit die in unserem Zeitalter erreichte Entwicklung der Industrie erst ermöglicht, so hat die Reformation schon durch die starke Be- tonung der persönlichen Freiheit den Eigentumsbegriff zu Gunsten stärkerer Ausbildung des Privateigentums beeinfluſst, sodals Lieb- knecht die Reformation das Pronunciamento des Privateigentums nennen konnte. Aus diesersiegreichen Auflehnung des bürger- lichen Eigentumsbegriffs gegen den Kommunismus der päpstlich- katholischen Kirche zu schlieſsen, der Protestantismus sei die Religion des Privateigentums, ist um deswillen falsch, weil er als Erneurer der sittlich-religiôsen Prinzipien der h. Schrift mit keinem Eigentum, sei es Privat- oder Gesamtbesitz, irgendwie einen Kultus treibt. ¹)

Wir berühren hiermit die Fragen, die im Artikel 16 des Augs- burgischen Bekenntnisses einen so prägnanten Ausdruck gefunden haben. Es bietet sich bei Besprechung dieses Artikels Veranlassung, alles was bisher besonders an biblischen Motiven zur rechten Be- urteilung von Staat, Beruf, Eigentum und Ehe dagewesen ist, zu einem Totalbild zu vereinigen.²) Der leitende Gesichtspunkt ist in

1) Graue Die Reformation und die sozialen Ideen des Christentums, Frankfurt a. M. 1882; v. Soden, Reformation und soziale Frage, Leipzig 1891, aus Evang.-soziale Zeitfragen I, No. 6.

2) Vergl. zu den folgenden Erörterungen: W. Hollenberg,I Die soziale Gesetzgebung und die christl. Ethik, Preisschrift der Haarlemer Gesellschaft 1880. Berichte über die Verhandlungen des I., II. und III. evangelisch-sozialen Kongresses, Berlin 1890 1892. Fleischmann, Wider die Sozialdemokratie, Kaiserslautern und Leipzig 1891. Kambli, Die sozialen Ideen des Christen- tums und ihre Verwertung in den Kämpfen der Gegenwart, Zürich 1878, Gottes- dienstliche Vorträge in der Schloſskirche zu Karlsruhe gehalten, Freiburg i. B. 1892. Wissenschaftl. Vorträge über religiöse Fragen, Frankfurt a. M. 1882.