Aufsatz 
Die sozialen Fragen der Gegenwart im evangelischen Religionsunterricht höherer Schulen / von L. Hochhuth
Entstehung
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War die Wohlthätigkeit in Athen nicht ohne einen Zug der Humanität, so ist die oft groſsartige Liberalität bei den Römern von politischen Erwägungen oder egoistischen Motiven getragen. Die reichen Spenden von Korn, Brot und andern Dingen, die von Privaten, Stadtverwaltungen und Kaisern bekannt sind, werden ohne Rücksicht auf die Not nur zur Freude der Beschenkten verteilt und sollen den Namen des Gebers verherrlichen oder solchen staatlichen Insti- tutionen nützen, die dem Geber selbst wieder zu gute kommen. Die Sorge für Waisenkinder und Krankenhäuser, die es nur für Sklaven und Soldaten gab, ist aus politischen Rücksichten entstanden. Für eine der christlichen Liebe ähnliche Erscheinung fehlte jede Grund- lage in Religion und Philosophie. In dem Staatsideal des Plato sucht man vergebens die Wohlthätigkeit, und nach Aristoteles ge- winnt der Wohlthäter das Beste für sich, während christliche Liebe nicht das Ihre sucht. Statt des rein egoistischen Geistes finden wir aber in der Kaiserzeit eine Strömung, in welcher die Brüderlichkeit Kraft gewinnt, sie hat einen theoretischen Ausdruck bei den Stoikern, einen praktischen in den Genossenschaften(collegia) gefunden und den Sieg des Christentums erleichtert. Bei dem Stoiker Seneca lesen wir von einer fast christlichen Wohlthätigkeit, aber sie ist nicht christlich, weil sie den Empfänger auf seine Würdigkeit an- sieht und etwas für sich sucht, wenn nicht Lohn, so doch Dank, wenn nicht Dank, so doch das Bewulstsein, ein groſser Geist zu sein. Der Stoiker hilft nicht aus Mitleid dies ist etwas Krankhaftes, sondern ruhigen Geistes, mit der vernünftigen UÜberlegung, daſs die Natur allen gemeinsam sei. Der Begriff der Menschheit geht ihnen zwar auf, aber nur in diesseitigem Sinne; der unendliche Wert einer Menschenseele ist ihnen unbekannt geblieben und damit auch der wichtigste Antrieb zur Wohlthätigkeit, die in jedem Mitmenschen ein Wesen von ewiger und die ganze Welt überragender Bedeutung sehen muls. Die Genossenschaften sind, abgesehen von Vergnügungs- vereinen, Unterstützungsverbände der untern Volksklassen, wo wir nicht nur brüderliche Gesinnung, sondern auch den Brudernamen finden. In ihnen erkennen wir den ersten Ansatz zur Bildung von Gemeinden, deren Fehlen in dem antiken Staatswesen es zu keiner geschlossenen Armenpflege kommen liels und die erst im Christen- tum zur vollen Ausbildung gelangten. Das Volk Israel hat keine geordnete Armenpflege, weil es infolge der sozialen Gesetzgebung Proletariat in grölserem Umfang nicht gab. Für die vorhandenen