Aufsatz 
Die sozialen Fragen der Gegenwart im evangelischen Religionsunterricht höherer Schulen / von L. Hochhuth
Entstehung
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In Prima sind bei der Lektüre Schriften ethischen Inhaltes den schwierigen theologischen Ausführungen des Apostel Paulus besonders im Römer- und Galaterbriefe vorzuziehen,¹) also etwa der 1. Johannis-, der 1. Petri- und der Jacobusbrief, von dem grolsen Apostel der 1. Korintherbrief. Sie sind auch für die sozialen Fragen von gröſster Bedeutung. Es kann nicht meine Aufgabe hier sein, sie auch nur nach dieser einen Richtung hin erschöpfend zu behandeln, nur die wichtigsten Stellen können erläutert, eine Reihe anderer nur ange- deutet werden. In dem 1. Johannisbrief ist kraftvoller als sonstwo der Zusammenhang von Religion und Sittlichkeit betont. Der sitt- liche Lebenswandel ist gegründet in Gott(1, 6 7) und in Jesus Christus(2, 6); sich auf Gott berufen und mit Christi Namen schmücken, ohneim Licht zu wandeln und ohne Christi Gebote zu halten, ist eine Phrase, eine Lüge(1, 6; 2, 4). Es ist erheuchelte Frömmigkeit ohne die Kraft des Wandels nach den alten Geboten und besonders nach den neuen Geboten der Liebe. Wer nicht Liebe zu seinem Bruder hat, der wandelt in der Finsternis(2, 9), der ist ein Totschläger(3, 15), und wenn er trotzdem behauptet, Gott zu lieben, so ist er ein Lügner(4, 20). So ist hier in immer neuen Wendungen die Nächstenliebe als der Ausdruck der Gottesliebe ge- fordert und zwar nicht nur Liebe in Worten und Redensarten, sondern eine thatkräftige wahrhaftige Liebe(3, 18), für welche ein Beispiel (3, 17) angeführt wird, darin bestehend, dalfs der reiche Bruder dem darbenden sein Herz öffnet. Wer aber im sündlichen Hängen an den Gütern der Welt sein Herz verschlieſst, in dem ist nicht die Liebe des Vaters(2, 15 17), er hat sein Herz an den nichtigen Mammon(Fleisches Lust, der Augen Lust und hoffärtiges Leben) gehängt, und das ist nicht mit dem Dienste im Gottesreiche zu vereinen. Es ist wohl hier die passende Stelle, darzuthun, wie diese Forderung der Nächstenliebe, insofern sie als ein Gottesdienst angesehen wird, ein neues Gebot genannt werden kann(Joh. 13, 34)²). Das Gebot der Liebe ist in diesem Sinne weder dem antiken Heiden- tum noch dem Judentum bekannt. Es giebt bei ihnen wohl einzelne Akte des Mitleids, aber nicht eigentliche geordnete Armenpflege.

¹) Münch, Vermischte Aufsätze über Unterrichtsziele und Unterrichts- kunst an höheren Schulen, Berlin 1888, S. 276 ff.

²) Uhlhorn. Die christl. Liebesthätigkeit I, 2. Auflage, Stuttgart 1882, S. 1 50.