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Standesfrage Anregung bietet.¹) Paulus, selbst in der Gefangen- schaft und helastet mit der Sorge um das sittliche Wohl der jüdischen und griechisch-römischen Welt, vermag doch noch sich der Not eines Einzelnen und zwar eines Mannes aus dem niedrigsten Stande anzunehmen, den er mit den liebevollsten Ausdrücken„meinen Sohn“,„mein eigen Herz“,„mein lieber Bruder“ benennt. Und nicht genug damit, daſs der Sklave durch seine Bekehrung dem Paulus so teuer wurde, dieser nimmt sogar von dem Herrn brüder- liche Liebe für seinen Sklaven in Anspruch. Die apostolische Kirche und speziell Paulus denkt gar nicht die rechtliche Stellung des Sklaven aufzuheben(1. Kor. 7, 21), sie will nur den innerlichen Gegensatz aufheben, da dieser im Gottesreiche nicht statthaben kann. Der christliche Sklave soll vielmehr seinem Herrn um so gewissenhafter dienen, der christliche Herr aber seinem Sklaven als Bruder in Christo mit Milde und Güte begegnen. Das Christentum will auch auf diesem Gebiete, ebensowenig wie im Besitz, eine öde Gleichmacherei, aber es verlangt Anerkennung der sittlichen Persön- lichkeit in jedem, auch dem niedrigsten Berufe.„Der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums und der Starke nicht seiner Stärke,“ sondern„dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er em- pfangen hat,“ diese Mahnungen der h. Schrift weisen uns das richtige Verhalten in der Standesfrage an, und grade in unserer Zeit, wo reich und arm, hoch und niedrig sich so schroff geschieden hat, hat der Christ reichste Gelegenheit, gegen die Dienstboten des Hauses, die Arbeiter der Fabriken, die Armen und Niedriggestellten wahre Demut und brüderliche Liebe zu bewähren.
Endlich können bei der in dem Lehrplan unserer Anstalt vor- gesehenen Wiederholung des Alten Testaments, für welches ein tieferes Verständnis zu gewinnen ist, auch die sozialen Zustände des jüdischen Volkes in neuem Lichte gezeigt werden, wenn die historische Entwicklung derselben in den Hauptzügen dargestelt wird. ²) Indem diese Entwicklung bis zur Zeit Jesu fortgeführt wird, werden für die Erklärung des Neuen Testaments nach dieser Seite hin wichtige Gesichtspunkte gewonnen.
1) Grützmacher, Betrachtungen über den Brief St. Pauli an den Philemon im Hinblick auf die soziale Frage, Bremen 1874.
2) Nowack, Die sozialen Probleme in Israel und deren Bedeutung für die religiöse Entwicklung dieses Volkes, Straſsburg 1892.


