Aufsatz 
Die sozialen Fragen der Gegenwart im evangelischen Religionsunterricht höherer Schulen / von L. Hochhuth
Entstehung
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im Hause zugehen? 79. Wie verhält sich der Christ im bürger- lichen Leben? An Frage 80, Wie erweisen wir uns als treue Glieder unserer Kirche? wären dann die vorgeschriebenen Belehrungen über das Kirchenjahr und die Bedeutung der gottesdienstlichen Ordnungen ¹) anzuknüpfen. Inwiefern auch hier eine soziale Frage berührt wird, wird erst unten deutlich werden.

Erst in Obertertia ist nach meinen Erfahrungen einiges Ver- ständnis für das Wesen des Gottesreiches zu gewinnen. Zwar hatte alles früher Dagewesene die Aufgabe die Herzen für dasselbe zuzu- bereiten und mit der fortschreitenden Gewöhnung der Schüler an das Edle und Gute, an die Weise des Christentums, alles im Lichte der Ewigkeit zu betrachten, kein irdisches Gut um seiner selbst willen, sondern nur mit der Beziehung auf die ewigen Ziele zu schätzen, mit dieser Gewöhnung fand ein stilles Wachstum des Reiches Gottes inwendig in ihnen statt. Nun aber sollen sie das unbewulst in ihnen Erwachsene sich selbst zum Bewulstsein bringen als eine That des Gottesgehorsams. Sie sollen es wissen und er- fahren, dals die Menschheit in dem Reiche, da Gottes Wille, d. h. das absolut Gute und Heilige gilt, sich vollenden soll und daſs dies Reich in dem einen Jesus Christus schon erschienen ist, der es für seine tägliche Nahrung hielt, den Willen des zu thun, der ihn ge- sandt hat. Es ist die Krone aller sozialen Entwicklung der Mensch- heit, eine sittliche Aufgabe der Menschheit, die bis in die Ewigkeit reicht und die doch erst als ein Gnadengeschenk Gottes die Vollen- dung erreicht. In diesem Reiche, welches alle sittlichen Triebe zur Entwicklung, alle Selbstsucht zur Ruhe bringt, finden wir die Prin- zipien, von wo aus alle und jede soziale Entwicklung geleitet wird, und darum ist für einen Christen die Erkenntnis dieses Reiches so unumgänglich nôtig, weil er hier die religiösen Wurzeln zu allem sittlichen Handeln findet. Wie ist doch der Heiland selbst nicht müde geworden, in immer neuen Bildern und Gleichnissen sein Reich kenntlich zu machen, und wie wunderbar schön hat er uns die Prinzipien desselben in der Bergpredigt enthüllt. Das ist bei der letzteren wohl festzuhalten, dals es sich in ihr um sittliche Motive,

) Vgl. z. B. Heidrich, Handb. für d. Religionsunterricht, Berlin 1888, S. 309 ff. Achelis, Die Bedeutung des Gemeindegottesdienstes, Vortrag abgedr. in Gottesdienstl. Vorträge, Freiburg 1892, S. 39 ff. Achelis, Prakt. Theologie II, S. 205 f.