nicht aber um Staatsgesetze handelt, daſs sie sich an die freie sitt- liche Uberzeugung, nicht an den blinden Gehorsam wendet.
Waren auf der Unterstufe schon einige Gleichnisse besprochen, so soll in Obertertia eine Auswahl derselben mit beständiger Be- ziehung auf das Gottesreich genauer erklärt werden. Folgende werden besonders die sozialen Fragen beleuchten¹): Das Grund- prinzip, von welcher jede christlich-soziale Ordnung getragen sein soll, ist die Liebe, welche unter Hintansetzung der eignen Interessen ohne Rücksicht auf Ruhm und Belohnung überall da hilft, wo sich ein Notstand zeigt(der parmherzige Samariter). Der Notstand selbst, nicht erst Freundschaft, Verwandtschaft oder Volksgemein- schaft enthält für uns die Aufforderung, hier„der Nächste“ zu sein, welcher in barmherziger Liebe der Not der Unglücklichen zu steuern sucht, mögen diese nun unter die Räuber, in die Hände der Wucherer, unmenschlicher Ausbeuter, in Krankheit, Armut oder Schande gefallen sein. Und darin bestand grade die Sünde des reichen Mannes, dafs er einer solchen Aufforderung nicht folgte, als ihm der armselige Lazarus von seinem Gott vor die Thüre gelegt war. Wieviel von der gegenwärtigen Not würde beseitigt sein. wenn nicht gar so viele von denen, die infolge ihres Berufes(Priester, Levit) oder ihrer auf ihren Besitz sich gründenden sozialen Stellung (der reiche Mann) in erster Linie helfen mülsten, herzlos an dem Unglück vorüber gingen oder vor lauter Genuſssucht zur Hilfe keine Zeit fänden. Der reiche Mann, der sich mit Purpur und köstlicher Leinwand kleidete und alle Tage herrlich und in Freuden lebte, ist der Tybus der vielen Tausende unserer Zeit, die den Zweck ihres Daseins nur in dem Genielsen sehen. Eine höhere Welt der Ideale kennen sie nicht, ihre Parole ist die des reichen Kornbauern: „Liebe Seele. du hast einen grolsen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iſs, trink und habe guten Mut.“ Aber. wie solche Ge- nuſssucht endigt, zeigt uns das Gleichnis des reichen Kornbauern und vom reichen Mann, deren Seelen vor Gott gefordert werden, dort müssen sie Rechenschaft ablegen, wie sie die ihnen anvertrauten Erdengüter benutzt haben und wehe ihnen, da sie in gottvergessener
¹) H. Schmidt, Die Gleichnisse Jesu im Evangel. d. Lukas ausg. mit Rücksicht auf die soz. Aufgaben der Gegenwart, Basel 1891— eine Predigt- sammlung, welche die Macht der Liebe und den Fluch der Selbstsucht darstellt und eine Reihe schöner, auch für uns brauchbarer Gedanken enthält.


