Aufsatz 
Die sozialen Fragen der Gegenwart im evangelischen Religionsunterricht höherer Schulen / von L. Hochhuth
Entstehung
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ganze Gottesreich darstellt, nicht zu gut gedünkt, zu den sozialen Nöten seiner Zeit sich niederzubeugen, er hat nicht ein Abstraktum gepredigt oder ein philosophisches Idealgebäude den Zeitgenossen vor die Augen gestellt, sondern überall hat er die praktischen Fragen und Aufgaben seiner Zeit geprüft, mit seiner sittlichen Hoheit ver- klärt und von ihnen aus grade sein hohes Ideal klar gemacht. Auch Luther hat dadurch zum Teil seinen Erfolg errungen, daſs er für das, was die Herzen seiner Zeitgenossen so tief bewegte, einen aus dem Gotteswort genommenen, durch das Ideal des Gottesreichs bestimmten Ausdruck fand, und in diesem Sinne müssen wir auf sein Wort hören:Insonderheit treibe das Gebot und Stück am meisten, das bei deinem Volke am meisten leidet.¹) Darin muls sich grade die unversiegbare Kraft des Evangeliums bewähren, dals es keiner sittlichen Aufgabe aus dem Wege geht, sondern sich einer jeden gewachsen zeigt. Und darin ist unserer evangelischen Kirche, welche nichts von Weltflucht weiſs, sondern in der Welt Bewährung des Gottvertrauens fordert und Beruf und Eigentum wieder zu Ehren gebracht hat, in der Gegenwart, wo alle sittlichen Ordnungen zu wanken scheinen, eine Aufgabe gestellt, wie sie wohl noch kein Zeitalter zu lösen hatte. Sollen wir da erst warten, bis wieder ein religiöser Genius wie Luther kommt? Müssen wir nicht vielmehr mit unserer bescheidenen Kraft, ein jeder auf seinem Platze und in seinem Berufe, an einer friedlichen Lösung der Aufgabe mitwirken? Es soll ja nicht einer Verschiebung der Aufgaben unseres Unterrichts in der Weise das Wort geredet werden, als sollte einseitig nur oder hauptsächlich die soziale Frage zur Behandlung kommen, sondern es sollen solche gelegentlich vorkommenden Stellen der h. Schrift und der Bekenntnisschriften, Erscheinungen in der kirchlichen Ent- wicklung der Vergangenheit und Gegenwart die Schüler zu einer christlichen Beurteilung der Schäden dér Zeit fähig machen, sie sollen nicht nur die Prinzipien der christlichen Welt- und sittlichen Lebensanschauung erkennen, sondern sie unter Leitung des Lehrers auf praktische Einzelfragen anwenden lernen.

So wird schon jetzt soviel klar sein, daſs der Unterricht nicht nur im Sinne des Kampfes gegen die Sozialdemokratie zu fassen ist; in diesem Falle möchte das zweite Bedenken einige Berechtigung

1) Vorrede zum kl. Katechismus, Müller, Die symbol. Bücher, 4. Aufl., S. 351.