Aufsatz 
Die sozialen Fragen der Gegenwart im evangelischen Religionsunterricht höherer Schulen / von L. Hochhuth
Entstehung
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möglich, Jesu Leben und Wirken direkte Organisationsziele zu ent- nehmen, sondern es gewährt uns nur allgemeine Grundsätze, deren Anwendung auf unsere Zeit unserem eignen Nachdenken überlassen ist. Den Einfluſs der damaligen Weltlage auf soziale Anschauungen wird man z. B. in den Schriften des Lukas wohl berücksichtigen müssen, besonders in seiner schroffen Stellung zum Eigentum. Da- her würde es verkehrt sein einzelne Aussprüche(Lk. 3, 11. 6, 29 u. 30. 6, 35. 10, 4. 14, 12 u. 13) zu normativen Bestimmungen zu erheben. Wir wollen überhaupt nicht Gesetze, sondern die rechte Gesinnung für die soziale Not aus dem Neuen Testamente gewinnen. ¹) In diesem Sinne wird sich uns ein sehr reicher sozialer Gehalt in der Schrift aufthun, da sie eine neue religiöse Gemeinde der Gottes- verehrung mit dem Bewulstsein der Gotteskindschaft und eine neue sittliche Gemeinde der allgemeinen Menschenliebe zeigt, welche die ganze menschliche Gesellschaft auf allen ihren Lebensgebieten be- herrschen soll.

Trotzdem stehen viele Kollegen der Behandlung dieses sozialen Gehaltes in der Schule ablehnend gegenüber. Sie halten es für eine Verkürzung und Verkennung der Aufgabe des Religionsunter- richts, aus dem Gebiete des Ideals die Schüler hinabzuführen in die nüchterne, oft so rauhe Wirklichkeit, sie meinen zweitens, dals die Schüler der höheren Schule der Gefahr, der Sozialdemokratie zu erliegen, nicht ausgesetzt sind, und fürchten drittens, dals ein solcher Unterricht auf viele Irrwege des Denkens und Handelns aufmerksam mache, die den Schülern besser verborgen blieben.

Diesen 3 Bedenken, die ich selbst habe äulseren hören, ent- gegne ich: daſs der Religionsunterricht das höchste Ideal, das Reich Gottes. zu seinem Gegenstande hat, kann doch unmöglich den Sinn haben, die jungen Seelen von dem Diesseits möglichst abzuziehen, um sie in den reinen Ather jenes Idealreichs zu führen. Für den evangelischen Christen ist das Reich Gottes vor seiner idealen Vol- lendung schon Aufgabe seines sittlichen Ringens, er soll die irdische Welt mit den sittlichen Grundsätzen des Gottesreiches verklären und durchdringen. So hat sich Jesus selbst, in welchem sich das

¹) Uhlhorn, Katholizismus und Protestantismus gegenüber der sozialen Frage, 2. Aufl., Göttingen 1887. Naumann, Das soziale Programm der evgl. Kirche, Erlangen u. Lcipzig 1891, Seite 62 ff. In anderem Sinne Stöcker, Christlich-Sozial, 2. Aufl., Berlin 1890, S. 82 ff.