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ſtillen,—(man verzeihe uns in Parentheſe dieſe pädagogiſche Ketzerei, wir halten„Mährchen“ für die ungeeignetſte Nahrung für des Kindes Geiſt und Phantaſie. Wir ſind zu kurz⸗ ſichtig, um es einzuſehen, welchen Nutzen es haben dürfte, unſere Kinder von vorhinein mit Vorſtellungen über die Welt und die Dinge der Welt zu erfüllen, die der Wirklich⸗ keit ſo ſehr entgegenſtehen, von einem Wolf, der die Großmutter auffrißt, und nun mit der Nachthaube bekleidet, zu gleichem Ende der kleinen Enkelin wartet, von dem Kuchen⸗ berg, durch den man ſich durcheſſen muß, und wie die beliebten Mährchen⸗Themate ſonſt lauten mögen—) alſo, meinen wir, nicht mit verſtandeswidrigen, meiſt auch belehrungs⸗ armen Mährchen möge die Mutter ihre Kinder unterhalten, ſie braucht wahrlich nicht um Stoff verlegen zu ſein, ſie bedarf dazu keines orbus pictus, die ganze wirkliche Welt ihrer Kleinen, die Kinderſtube, das Haus, der Garten, die Stadt und Alles, was in dieſer Umgebung der Kleinen für ihre Wahrnehmung ſich befindet und begiebt, was ſie ſelber und ihre kleinen und großen Genoſſen thun und laſſen, gewährt einen überreichen, mannig⸗ faltigen Stoff, an welchem die Mutter die entwickelungsbedürftigen Fähigkeiten ihrer Kinder üben und ſich als bildendſte Lehrmeiſterin bewähren kann.
Unter allen Fähigkeiten der Kinder giebt es keine, die nicht der Entwickelung fähig wäre, und der verſtändigen, entwickelnden Leitung bedürfte. Man hat keine Vorſtellung davon, mit wie ungeweckten, unentwickelten oder durch Vernachläſſigung bereits fehlerhaft entwickelten Fähigkeiten manches Kind der Schule übergeben wird, wie ſehr die Schule es ſofort bemerkt, wenn dem Kinde die rechte Chawa gefehlt, wenn es dämmerhaft ſich ſelbſt überlaſſen geweſen, oder unter den Einflüſſen der Geſindeſtube ſeine wichtigſten Entwickelungsjahre verbracht.
Da iſt zuerſt das Wort ſelbſt, die Sprache, dieſes herrlichſte, zauberhaft einzige Werkzeug alles Lehrens und Lernens, dieſe lebenslängliche Vermittlerin alles Denkens und geiſtigen Schaffens, ſie will von früh an geübt und richtig entwickelt werden, wenn ſie ſich als das ſcharfgeſchliffene geiſtige Mittel bewähren ſoll. Sprechen, gut und richtig ſprechen, ſollen die Kinder von ihren Müttern lernen. Wir denken da noch nicht an grammatiſche Richtigkeit, ſo ſehr es auch ein Glück für die geiſtige Bildung der Kinder iſt, wenn ſie in einer ſprachgerecht redenden Umgebung ſprechen gelernt, und ihnen jenes Sprachgefühl anerzogen iſt, das ohne alle Sprachlehre und vor aller Sprachlehre nur ſprachgerecht zu ſprechen weiß. Wir denken zunächſt an die Sprech⸗ Richtigkeit, an die Deutlichkeit, Vollſtändigkeit, Klarheit und Vernehmlichkeit des Sprechens, und an die Gewöhnung und Uebung überhaupt über die Anliegen des blos phyſiſchen Be⸗ dürfniſſes hinaus, das, was man denkt, klar und verſtändlich in Worte zu kleiden. Es ſind die Sprachorgane von Haus aus zu üben, jedem Laute gerecht zu werden, die Worte


