Aufsatz 
Von dem Zusammenwirken des Hauses mit der Schule
Entstehung
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haltige Erziehungsſtätte, und auch für dieſe Erziehungsaufgabe bleibt die Schule nur Ge⸗ hilfin des Hauſes. Alles, was Charakteraneignung und, wie man dies recht bezeichnend nennt,zweite Natur werden ſoll, muß vom Zwange frei zur Uebung kommen. Und ſchon weil, wie dies ja in der Natur der Sache liegt, der Schüler in der Schule eben Schüler iſt und ſomit immerhin einer gewiſſen Nöthigung unterſteht, kann die Schule wohl lehren und zeigen und fordern, wenn es ſein muß auch zu dem nöthigen, was anſtändig iſt, abererziehen zum Anſtand kann ſie nicht, ſie hat auch dazu wiederum weder Zeit noch Gelegenheit, und es kann ſehr wohl vorkommen, daß ein unter dem Regime der Schule ganz anſtändiger Knabe, zu Hauſe, der Schulcontrole entlaſſen, gegen Eltern und Geſchwiſter und gegen die ſonſtigen Genoſſen des Hauſes ſich einer gemüth⸗ lichen Grobheit befleißt, oder doch Vieles außer Acht läßt, was ein wohlgepflegtes Anſtands⸗ gefühl gebietet. Und diePflege dieſes Anſtandsgefühles iſt nur dem Hauſe möglich. Wenn das Haus nicht den Genius des wahren Anſtandes bei ſich heimiſch macht, und man täuſche ſich nicht, dieſer Genius findet ſich ebenſo häufig und ebenſo ſelten in den Häuſern der Bemittelten wie der Unbemittelten, wenn Mann und Frau als Mann und Frau, als Vater und Mutter, als Herrſchaft gegendas Geſinde, wenn Kinder als Kinder gegen Eltern, als Geſchwiſter untereinander und in ihrem Benehmen gegen die dienenden Genoſſen des Hauſesſich gehen laſſen, wennfamiliär faſt zum Synonym von Grobheit wird, und manHöflichkeit für ein courfähiges Benehmen in der ſogenanntenGeſellſchaft aufſpart, wenn Vater und Mutter es nicht verſtehen, ihren Kindern durch Beiſpiel und Leitung jenes Gefühl der Wohlanſtändigkeit anzuer⸗ ziehen, dem von ſelbſt alles naturwüchſige Rohe widerſteht und als wenig nachahmungs⸗ würdig erſcheint: dann entbehrt die Jugend auch für dieſe Seite der Charakterbildung des einzigen wirklich erziehenden Einfluſſes.

Wenn nach dieſem Allem die Annahnie wohl nicht irrig iſt, daß von der Er⸗ Ziehungs⸗Aufgabe der Jugendbildung der bei Weitem größere und wichtigere Theil der Wirkſamkeit des Hauſes verbleibt, ſo wird gleichwohl auch die Schule Charakter⸗ und Sittenbildung als das höchſte und wichtigſte Anliegen der Geſammtbildungs⸗Aufgabe auch ihrerſeits ſtets im Auge behalten und bei Löſung ihrer eigentlichen Unterrichts⸗Aufgabe und vermittelſt derſelben ſtets als eser kenegdo, wenn gleich andersgeartet, doch als treueſte, hingebungsvollſte Gehilfin des Hauſes auch für den Zweck der Erziehung ſich bewähren. Sie wird durch ihre ganze Haltung und durch die von ihr dem ſittlichen Verhalten ihrer Schüler, ſowie dem ſittlichen Momente überall in ihren lehrenden Be⸗ trachtungen von Menſchen und Zuſtänden vorwiegend zugewandte Anerkennung, ſtill⸗

ſchweigend das ganze Gewicht ihres Anſehens mit in die Wagſchale der vom Hauſe ge⸗ 2