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auf Erden Bedingten, zuſammen. Nicht mit Unrecht nennen wir den, unter dem Re⸗ gime dieſes Grundſatzes ſich Bewegenden einen„gebildeten“ Menſchen und Roheit den Mangel dieſer Bildung.„Roh“ iſt ja alles Naturwüchſige, an das die„beſchränkende“ und beſchränkend Form gebende Hand noch nicht gekommen, und ſinnig nennt auch der hebräiſche Sprachgedanke Stoffbilden: jazar, Sittenbilden: jassar, beides ſich in dem Grundbegriff: Beſchränken begegnend. Das Sittengeſetz, mussar, und das Anſtands⸗ geſetz, derech erez, geben das Maaß und die Form, unter deren beſchränkender Herr⸗ ſchaft all unſer Wollen und Nichtwollen zur Aeußerung zu gelangen hat. Der ſittlich und Anſtands⸗Gebildete unterwirft ſein ganzes Weſen dieſer doppelten Controle, er läßt ſich nie naturwüchſig gehen. An dieſer ſteten Herrſchaft über ſich ſelbſt erkennt man den gebildeten Menſchen, und weil die ſittliche Charakterbildung ſich nur bei näherer Bekanntſchaft kundgiebt, Anſtands⸗Bildung aber auf den erſten Blick ſich ankündigt, darum bringt man dem Anſtandsgebildeten den Namen eines„gebildeten“ Menſchen entgegen und ſetzt dabei gerne voraus, daß ihm die Huldigung des Sittengeſetzes ebenſo zur zweiten Natur wie die des Anſtandsgeſetzes geworden ſein möge.
Mag nun auch dieſe Vorausſetzung ſich leider nur all zu oft als unbegründetes Vorurtheil erweiſen und Anſtandsbildung gar leicht zu einer blos äußeren Tünche wer⸗ den, die den Mangel wahrhaft ſittlicher Charakterbildung alſo verſchleiert, daß das ſitt⸗ lich Unanſtändigſte mit gebildetem Anſtand geſprochen wird und geübt; mögen auch ge⸗ dankenloſe Eltern gar oft in dieſe Gewöhnung zum geſelligen Anſtand ihre Erziehungs⸗ aufgabe ganz oder doch faſt ganz aufgehen, und dagegen das bei Weitem wichtigere und ſchwierigere Geſchäft der ſittlichen Charakterbildung ihrer Kinder in den Hintergrund treten laſſen: ſo bleibt doch unſtreitig die Anſtandsbildung auch für ernſte, ihrer Auf⸗ gabe ſich voll bewußte Eltern ein ſehr weſentliches Erziehungsmoment, dem ſie die Be⸗ achtung nicht verſagen werden, für welches ihnen die Schule ſehr hilfreich zur Seite zu treten vermag, obgleich auch hierfür das Haus und nicht die Schule die eigentliche Er⸗ ziehungsſtätte bleibt.
Das Zuſammenleben mit einem großen Kreis gleich lebender, gleich ſtrebender und gleich berechtigter Genoſſen, in welchen der junge werdende Menſch mit der Schule zuerſt eintritt, ſowie der Umgang mit Vorgeſetzten in der Schule iſt ſicherlich eine nicht gering anzuſchlagende Vorbereitung für den einſtigen Eintritt in die Welt und das ſociale Zuſammenleben in derſelben. Die Schule iſt eine kleine Welt für die Kleinen und vor Allem Schulen, die keine Standes⸗Excluſivität kennen, die, wie einſt die Welt, ihre Räume den Kindern aller Stände öffnen, wo Kinder der Vermögenden neben Kindern der Unbemittelten auf Einer Bank neben einanderſitzen und zum ſittlichen Wetteifer in


