Aufsatz 
Von dem Zusammenwirken des Hauses mit der Schule
Entstehung
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ſelten wird er überhaupt die Stärke erreichen, die ihm das Eltern⸗Verhältniß von vor⸗ hinein verleiht.

Unendlich reich iſt endlich das Eltern⸗Haus an Erziehungs⸗Mitteln, außerordentlich arm die Schule. Sie kann loben und tadeln, kann auch wohl belohnen und verſagen und, in Parentheſe, wir legen viel mehr Werth auf Belobung, eventuell Belohnung, als auf Tadeln und Verſagen, allein nur der beſſere Schüler iſt für Lob und Tadel empfänglich, und ſehr iſt dieſe Empfänglichkeit von der erziehenden Behandlung des Hauſes abhängig. Wir ſind ſicherlich die Letzten, die körperlichen Strafen das Wort reden möch⸗ ten. Wir ſind ſehr geneigt, Den nicht für den rechten Lehrer zu halten, der bei den gewöhnlichen Vorkommniſſen des Schullebens des disciplinirenden Schlagens nicht zu entbehren vermag. Allein, wenn das Elternhausſchlägt, wenn das Kind vom Hauſe gewöhnt wird, an den Ernſt des Tadels nur dann zu glauben, wenn es ihn körperlich empfindet, dem Worte nur dann zu folgen, wenn die Ruthe im Hintergrunde droht, ſo ſtumpft das Haus geradezu den moraliſchen Sinn des Kindes ab, und es wird ſchwer⸗ lich dem Tadelswort des Lehrers die gebührende Beachtung zollen. Und welch eine Auswahl von Gewährungen und Verſagungen, je nach den eigenthümlichen Neigungen des Kindes, ſtehen dem Hauſe zu Gebote, um durch deren Mithilfe dem Kinde den Weg des Guten auch äußerlich lohnend zu machen, während die Schule in dieſer Beziehung äußerſt beſchränkt iſt.

Es giebt eine Seite des Verhaltens, die der ſittlichen Bildung ſehr nahe verwandt iſt, ja nach jüdiſcher Auffaſſung geradezu mit in den Codex des Sittengeſetzes gehört, deren Beachtung auch eine fortgeſetzte Uebung derſelben ſittlichen Energien erfordert, wie alle anderen Pflichterfüllungen, die gleichwohl leichter als alle übrigen Tugenden ange⸗ eignet werden kann, gemeinhin aber unter dem Begriff derBildung ſchlechtweg ver⸗ ſtanden wird, obgleich ſie doch jedenfalls nur Eine Seite der Bildung umfaßt, und daher nur nach ihrem wirklichen Werth geſchätzt werden ſollte. Wir meinen die Anforderungen eines geſitteten anſtändigen Benehmens. Jüdiſche Lebensweisheit ſchätzt dieſe Anfor⸗ derungen ſehr hoch. In der Maxime, außer dem innern ſittlichen Werthe unſerer Hand⸗ lungen, die Form aller unſerer Lebensäußerungen, unſeres Stehens und Gehens, unſeres Eſſens und Trinkens, unſeres Redens und Thuns, unſeres Lachens und Weinens ꝛc., eine ſolche ſein zu laſſen, daß wir damit unſeren mitlebenden Genoſſen nicht läſtig, nicht widerwärtig, nicht unangenehm werden, mit allen unſeren Lebensäußerungenan⸗ ſprechend im Umgange, meorab ben habrioth, zu ſein: in dieſer Maxime erkannten die jüdiſchen Weiſen eine Grundbedingung des ſocialen Zuſammenlebens und faßten daher alles Dahingehörige mit unter den Begriff derech erez, des durch den ſocialen Wandel