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Erziehen kann man nur individuell. Es muß ſich der Erzieher mit liebender Theil⸗ nahme in die ganze Individualität des Kindes verſenken, muß ſeinen Regungen, den Motiven ſeiner Aeußerungen nachgehen, muß ſein Kind ſtudiren, ihm mit erziehender Weisheit ſeinen eigenthümlichen Schwächen, ſeinen noch ſchlummernden ſittlichen Talenten entſprechende Aufgaben zur Löſung geben, und es mit liebender Ausdauer zum Siege über ſich ſelbſt und zum Triumph zuerſt widerſtrebender Pflichterfüllung zu bringen ſuchen. Ein ſolcher erſter Sieg, ein ſolcher ſchwer errungener Triumph iſt oft entſchei⸗
dend für das Leben und bildet den erſten Schritt zum künftigen Mann. Eine ſolche
Hingebung an die Individualität eines Kindes gelingt nur dem Vater, gelingt vor Allem nur der Mutter,— dieſer durch die eben mehr auf das Individuelle gerichtete Natur des Weibes ſo ganz eigentlich zur Erzieherin Geſchaffenen,— und ſie erfordert Geduld und Zeit. Die Schule aber— ſo möglichſt individuell auch der rechte Lehrer ſeine Schüler zu behandeln weiß— an einer ſolchen erziehenden Hingebung an die Indivi⸗ dualität Eines Kindes iſt die Schule durch ihre Unterrichtspflicht gehindert, ſie hat dazu weder die Geduld noch die Zeit, darf ſie meiſt nicht haben, muß oft ignoriren oder pe⸗ remtoriſch eine Erfüllung gebieten, um nicht auf Koſten der übrigen ihrer Lehrthätigkeit Empfohlenen ihre Aufmerkſamkeit einem Einzigen zuzuwenden— eine Beſſerungs⸗ und Er⸗ ziehungsanſtalt iſt die Schule nicht und muß ſelbſt für die dauernde Erzielung ganz eigentlicher Schülertugenden, wie Fleiß, Aufmerkſamkeit, Ordnung, wo ſie fehlen, weſent⸗ lich auf die erziehende Einwirkung des Hauſes rechnen.
Wer wollte ferner den Factor gering anſchlagen, der in der Liebe und Anhänglich⸗ keit, in dem Zuge des Herzens zum Herzen zwiſchen Eltern und Kindern, in der ver⸗ ehrungsvollen Hinneigung des Kindergemüthes zu Denen, in welchen die Hilfsbedürftigkeit ſeines ganzen Seins Alles, Nahrung und Leitung, Fürſorge und Obhut, Pflege und Freude in uneigennützigſter Weiſe früh und ſpät bei jedem Anliegen und jedem Fahrniß ſeines kleinen Lebens findet, wer den Factor gering anſchlagen, der mit allem Dem den Eltern von vorn herein den Weg zur Erziehung der Kinder bahnt, die Erziehung ſelbſt nur in den Kreis alles Deſſen dem Kinde zum Bewußtſein kommen läßt, was überhaupt die Liebe und Einſicht der Eltern ihm zuwendet, einen Factor, der nur mit verſtändniß⸗ voller Einſicht in Das gepaart zu ſein braucht, was zum wahren Wohle der Kinder gereicht, um den Erziehungserfolg faſt ſicher zu ſtellen, einen Factor, welcher aber der Schule faſt gänzlich entgeht. Wohl bildet ſich auch zwiſchen dem Lehrer und gutgear⸗ teten Schülern ein Band der Liebe, Achtung und Anhänglichkeit, das ſeinen erziehenden Einfluß ermöglicht und bedingt; allein gerade bei weniger gutgearteten Schülern, denen doch Erziehung in höherem Grade Noth thut, dürfte dieſer Factor ſehr fraglich ſein, und


