Aufsatz 
Zur Geschichte der Stadt und Herrschaft Limburg a. d. Lahn : 1. Teil
Entstehung
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der Kirche stand, ein demselben Heiligen geweihtes hölzernes Kirchlein errichtet habe. Unter ihrem Altare, heisst es bei Lotz a. a. O.,stand bis gegen Ende des 18. Jahrhun- derts ein steinerner Sarg. Eine daran angebrachte Bleiplatte meldete in Charakteren des 10. Jahrhunderts: Hie requiescit corpus Scti Lubenei confessoris. So unsicher aber auch der Grund erscheinen mag, auf dem wir bezüglich der Verkündigung der christ- lichen Lehre in unserer Lahngegend stehen:das Dasein eines ansehnlichen Collegiat- stifts, sagt mit Recht Vogel ¹²),dessen Ursprung tief in das christliche Altertum hinab- reicht ¹3) und bis jetzt durchaus unaufgehellt ist ¹4), mehr aber noch der Sitz des Archi- diaconats über alle Trierischen Kirchen diesseits des Rheins durch das ganze Mittelalter hin in Dietkirchen, einem sonst sehr unbedeutenden Ort, werfen rückwärts erleuchtende Strahlen auf die Legende, die zu ihrer Bewährung und Glaubwürdigkeit nicht wenig beitragen. Da bei Dietkirchen nach Limburg zu ¹⁵) in einem heiligen Hain, Reckenforst genannt, die Malstätte für den ganzen Niederlahngau, wie spüter das höchste Landgericht für die Grafschaft Diez war 16), so war die Wahl des Platzes für die erste christliche Kirche in der Lahngegend sicherlich eine sehr glückliche. Von hier aus verbreitete sich das Christentum in die Umgegend. Der Name Dietkirchen= Volkskirche ¹7) deutet das vielleicht mit an.

Die Lahngegend nach Lubentius bis zum 10. Jahrhundert im allgemeinen. Die fränkische Burg und Stadt Lintburc. Erste Georgskirche.

Das Christentum scheint in der Lahngegend sich nach Lubentius auch erhalten zu haben, freilich in seltsamem Gemisch mit den alten heidnischen Anschauungen und Ge- bräuchen, zumal da seit Zurückziehung der Legionen(bald nach 400) die Herrschaft der christlichen römischen Kaiser am Rhein thatsächlich aufhörte und die Herrschaft der damals noch heidnischen Frankenkönige sich immer weiter in das römische Reich hinein ausdehnte. Auch nachdem das Königshaus(Chlodwig 496) den christlichen Glauben angenommen und später der h. Goar aus Aquitanien(nach Hontheim, Prodrom. h. Tr., S§. 425 und Wenck I. S. 195 am wahrscheinlichsten gestorben 575) im Einrichgau und den angrenzenden Teilen des Lahngaus das Evangelium gepredigt hatte, wurde es darin wohl nicht viel besser. Wie konnte es auch bei den unaufhorlichen Eroberungs- und Bürgerkriegen, Verwandtenmorden und Greueln aller Art unter den merowingischen Nach- folgern Chlodwig's im 6. und 7. Jahrhundert? Diese Könige aber hatten im 6. Jahr- hundert einen überwiegenden Einfluss auf die Besetzung der Bischofsstühle erlangt, und die Frucht davon war es, wie sogar Sugenheim in seiner Geschichte des deutschen Vol- kes ¹) findet, dass, indem die Simonie üppig aufwucherte, der fränkische Klerus in seiner grossen Mehrheit mit rühmlichen Ausnahmen verweltlichte und entartete und den Willen, wie die intellectuelle Befähigung verlor, die Pflichten seines Berufes zu erfüllen; dass wir von fränkischen Seelenhirten hören,welche mit Helm und Schild in die Schlacht ziehen, mit dem Prügel in der Hand ilire Untergebenen misshandeln, an der Tafel sich berauschen, überhaupt tief in den Lastern ihrer Zeit stecken. ²) Der Empfehlungsbrief

12) Beschr. v. N., 1843, S. 414. 1¹³) Es führte auch den Namen des h. Lubentius. 1⁴) In der histor. Topographie von 1836 hatte Vogel noch Dietkirchen bis in die letzte Hälfte des 13. Jahrhunderts von allen urkundlichen Nachrichten entblösst genannt. Seitdem hat v. Stramberg im Rhein. Ant., Mittelrh., II, 3, S. 596, freilich ohne Nachweisungen, schon aus d. J. 841 cine Schenkung des Diaconus Adalbert an das Stift angeführt(Vgl. auch Brower u. Masen, Metropolis ecclesiae Trevericae ed. v. Stramberg, 1855, I, S. 260) und ein Verzeichnis von Chorbischöfen oder Archidiaconen zu Dietkirchen zusammengestellt, das bis auf Bernold 924 zurückreicht. ¹) nicht, wie v. Arnoldi in d. Gesch. der Oranien-Nass. Lünder, 1799 1801, II, S. 38 sagt, zwischen Diez und Limburg. 16) S. Vogel, Beschr. d. H. N. S. 163 u. 785. ¹17) S. Friedemann in den Ann. d. V. f. N. A. IY, 1850, 8. 368 und Kehrein im Nass. Namenbuch, S. 182.

¹) h S. 263, ²) 8. Weiss, Woltgeschichte, I, S. 461. Vgl. auch Alzog, Kirchengesch.,§ 163.