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gewis nur ganz oberflächlicher Art; ſchon der Unterſchied der Jahre— Ramond war ſechs Jahre jünger als Goethe— ſpricht für dieſe Annahme. Dagegen trat Ramond allerdings in ein intimeres Verhältnis zu Lenz. Die erſten Anknüpfungspunkte zwiſchen Beiden ſind wohl in der von Salz⸗ mann präſidirten Geſellſchaft zu ſuchen, unter deren Mitglieder Ramond, wie bereits erwähnt, am 21 Dezember 1775 aufgenommen wurde. Die Einführung des„Fremden aus Colmar“ geſchah aller Wahrſcheinlichkeit nach durch den Straßburger Matthieu, den das Protokoll der Geſellſchaft vom 25. Januar 1776 und, wie ich vermute, auch die Widmung à I* M zur guerre d Alsace als beſonders vertraut mit dem dichteriſchen Schaffen ſeines Freundes erſcheinen läßt.
1777 ging Ramond nach der Schweiz. Viielleicht trat er die Reiſe gemeinſchaftlich mit Lenz an, vielleicht begegnete er ihm auch unterwegs nur ganz zufällig. Nach Ramonds eigner Notiz waren Beide wenigſtens am Rheinfall bei Schaffhauſen zuſammen.„Un jeune auteur allemand,“ — ſchreibt Ramond—„si connu dans sa patrie par la fougue de son imagination, sa sensibilité et ses malheurs, Lenz, descendant avec moi sur cet échafaud, tomba à genoux, en s'écriant: Voilà un enfer d'eau! Le vent que nous lancait l'épaisse vapeur de la cataracte, ne l'empéchait pas de rester un quart d'heure dans la meme situation, immo- bile et pour ainsi dire sans autre sentiment que celui qui lui avait dicté les mots qu'il prononça.“ Mit Recht bemerkt Spach zu dieſer Stelle, ſie gewinne dadurch an Intereſſe, daß ſie zeige, wie Lenz ſchon damals unverkennbare Spuren geiſtiger Geſtörtheit verriet.
In der herrlichen Alpennatur und bei vielſeitig anregendem Verkehr verlebte Ramond lehr⸗ und genußreiche Tage. So machte ihn Haller in Bern noch kurz vor ſeinem Tode mit einigen ſeltenen Alpenpflanzen bekannt; in Zürich ſah er Geßner und Lavater. In Ferney ſtattete er Voltaire einen Beſuch ab, der den Eintretenden von ſeinem Lehnſtuhl aus mit den Worten begrüßte: „Vous voyez, monsieur, un vieillard qui a quatre-vingt-trois ans et quatre-vingt-trois maladics.“ Zu ſeiner nicht geringeren Freude lernte er in Zürich auch den alten Bodmer kennen, der ihm bei dieſer Gelegenheit ein Exemplar ſeiner geſammelten hiſtoriſchen und politiſchen Tragö⸗ dien zum Geſchenk machte. Bodmer hatte in ſeinem Äußeren große Ähnlichkeit mit Voltaire. „Cette ressemblance“— erzählt Ramond—„me parut frappante, et j'appris qu'elle sem- blait telle à tous ceux qui avaient vu l'un et l'autre. Il a les memes traits, la meme physionomie, les mêmes gestes; seulement la couleur de ses yeux est différente, et Tensemble de ses traits est un peu plus délicat. Je lui parlai de cette étonnante con- formité, il me fit cette modeste et remarquable réponse:„Il ne manquerait rien à ma gloire si je ressemblais en tout à M. de Voltaire; mais peut-èetre serait-il plus heureux, s'il me ressemblait davantage.“
Seine Erlebniſſe und Eindrücke aus der Schweiz hat Ramond niedergelegt in den 1781 er⸗ ſchienenen Lettres de M. William Coxe à M. Melmouth sur l'état politique, civil et naturel de la Suisse, traduites de l'anglais et augmentées des observations faites sur le meme pays par le traducteur. Der Überſetzer hatte das Original weit überholt; ſelbſt in England fand das Werk in ſeiner neuen Form größeren Anklang als die urſprüngliche Bearbeitung. Ramond, der gerade in Paris war, als die Schweizerbriefe erſchienen, konnte ſelbſt aus nächſter Nähe beob⸗ achten, eine wie überaus günſtige Aufnahme ſie in den maßgebenden Kreiſen der franzöſiſchen Hauptſtadt fanden. Kein Geringerer als Buffon ſtellte dem Verfaſſer das Zeugnis aus:„Monsieur, vous écrivez comme Rousseau.“


