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Nach des Letzteren Weggang, und nachdem Lenz auch ſelbſt Straßburg verlaſſen hatte, ſcheint der Eifer für die gemeinſamen Beſtrebungen bald erkaltet zu ſein. Erſt als Lenz zurückgekehrt war, nahm er die Wiederbelebung des Vereins in die Hand und brachte auch wirklich eine Fortſetzung der unterbrochenen Thätigkeit zu Stande. Am 2. November 1775 wurde die neue Geſellſchaft eröffnet; Salzmann, in deſſen Hauſe zunächſt auch die Sitzungen ſtattfanden, erhielt das Präſidium, Lenz fungirte als Sekretär.
Wenn übrigens das noch erhaltene Protokoll*) von einer Geſellſchaft„deutſcher Sprache“ redet, ſo iſt dieſer Zuſatz jedenfalls nicht ſtreng zu nehmen. Schon in einer der erſten Sitzungen, am 21. Dezember 1775, wurde— wie das gleiche Protokoll beſagt—„Herr Ramond, ein Frem⸗ der aus Colmar“ in den Verein aufgenommen und lieferte bei dieſer Gelegenheit und nachher noch öfter Beiträge in franzöſiſcher Sprache. Freilich gehören ſeine Werke auch nur der Sprache nach Frankreich zu; Anlage und Ausführung ſtehen ganz unter dem Einfluß der veränderten Anſchauungen, wie ſie durch die gleichzeitigen Schriften der Stürmer und Dränger in Deutſchland allgemein verbreitet wurden und Geltung bekamen. Und gerade deshalb verdient der Dichter Be⸗ achtung, weil er zu den früheſten Vertretern der neuen Richtung in Frankreich gehört— lange bevor die Bewegung, welche die deutſche Poeſie damals in andere Bahnen lenkte, in der franzö⸗ ſiſchen Literatur Halt und Ausdehnung gewann.
Louis François Elisabeth Ramond de Carbonnières war den 4. Januar 1755 in Straßburg geboren.**) Sein Vater, Pierre Ramond, welcher hier die Stelle eines tresorier de Pextraordinaire des guerres bekleidete, ſtammte aus Südfrankreich; die Mutter war deutſcher Abkunft.
über Ramonds Jugend bis zu dem Zeitpunkt, wo er die Univerſität ſeiner Vaterſtadt bezog, fehlen alle beſtimmteren Angaben. Spach läßt ihn ſeine Kinderjahre in Nordheim im Elſaß ver⸗ bringen und dann im Straßburger Jeſuitenkolleg untergebracht werden.
Als Student gehörte Ramond der juriſtiſchen Fakultät an, ohne daß innere Neigung die Wahl beſtimmt zu haben ſcheint. Jedenfalls ließ ihm ſein Berufsſtudium Muße genug, ſich eingehender mit naturwiſſenſchaftlichen Arbeiten zu beſchäftigen, die zeitlebens ſein größtes Intereſſe in Anſpruch nahmen. Und bei den Erkurſionen des Forſchers ging auch der Dichter nicht leer aus. Natur und Vergangenheit ſeiner Heimat boten der empfänglichen Phantaſie des jungen Elſäſſers eine Fülle neuer Eindrücke, die dann im Umgang mit den Straßburger Freunden Geſtalt erhielten. Goethe darf übrigens zu dieſen Freunden nicht gezählt werden. Ramond hat ihn in Straßburg öfter geſehen— daran iſt nach Wilhelm von Humboldts Zeugnis nicht zu zweifeln. Dieſer ſchreibt nämlich darüber unterm 28. November 1799 von Madrid aus an Goethe:„Der einzige intereſſantere Menſch, den ich dort(sc. in den Pyrenäen) ſah, war Ramond, deſſen ſie ſich wohl von alter Zeit her aus Straßburg erinnern. Wenigſtens ſagte er mir, daß er ſie mehrmal geſehen habe und Lenzens vertrauter Freund geweſen ſei.“***) Die Bekanntſchaft mit Goethe war aber
*) Abgedr. in Stöbers Alsatia 18¾,7. S. 174 ff. **) Für das Biographiſche überhaupt vgl.: Biographie generale.— Cuvier, Eloge historique de Ramond in den Memoires de l'academie des sciences tom. IX.— Spach, Oeuvres chois. V 129 ff.— Ste-Beuve, Ramond le peintre des Pyrénées in den Canseries du lundi X 446 ff.
***) Goethes Briefwechſel mit den Gebr. von Humboldt. S. 142.


