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Ramond de Carbonnièéres.
Ein Beitrag zur Geſchichte der Sturm- und Drangperiode.
Wenn auch politiſch ſchon manches Jahrzehnt vom deutſchen Reiche getrennt, war Straßburg in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts noch immer eine hervorragende Pflanzſtätte deutſcher Kultur. Allerdings wurde die Pflege und Förderung deutſchen Geiſteslebens weſentlich unterſtützt durch die große Zahl derer, welche alljährlich aus Deutſchland herüberkamen, um in der Hauptſtadt des entriſſenen Grenzgebietes ihren Studien obzuliegen. Aber es war nicht nur dieſer Teil der akademiſchen Jugend, der hier die Liebe zu deutſcher Art und Kunſt wach erhielt: auch die ein⸗ geſeſſene Bevölkerung hatte ſich aus früheren Tagen noch die Hinneigung zur alten Gemeinſchaft bewahrt, wiewohl nach Lage der Verhältniſſe das franzöſiſche Element trotz alemanniſcher Zähigkeit immer mehr an Boden gewinnen mußte. Straßburg wurde ſo ſchon früh ein Hauptherd der literariſchen Bewegung, die zwanzig Jahre vor dem Ausbruch der großen franzöſiſchen Revolution die Geiſter in Deutſchland mächtig ergriff und die Bedingungen des dichteriſchen Schaffens von Grund aus veränderte. War es doch gerade die deutſche Jugend, welche die Idee von der not⸗ wendigen Befreiung des Genies im Kampfe gegen den ſtarren Regelzwang traditioneller Formen mit der höchſten Begeiſterung verfocht!
Einen engeren Anſchluß dieſer jugendlichen Stürmer und Dränger aneinander und einen regeren Austauſch ihres Meinens und Könnens vermittelte die„Gelehrte übungsgeſellſchaft“, zu der bekanntlich auch Goethe während ſeines Straßburger Aufenthaltes gehörte. Die Geſellſchaft war ſchon zu Anfang der ſechziger Jahre von dem Aktuar Salzmann geſtiftet worden, ſcheint aber bis zum Jahre 1770 keinen größeren Aufſchwung genommen zu haben.*) Die Erſcheinung trifft alſo mit Goethes Eintritt zuſammen. Doch wäre es ſicher zu weit gegangen, wenn wir den Aufſchwung einzig und allein hierauf zurückführen wollten. Vielleicht hatte der Verein bis dahin nur allge⸗ meinere wiſſenſchaftliche Intereſſen verfolgt und faßte erſt mit dieſem Zeitpunkt ein beſchränkteres, auf die literariſche Produktion gerichtetes Ziel ins Auge.
Ein beſonders thätiges Mitglied gewann die Geſellſchaft in dem Dichter J. M. R. Lenz aus Livland, der 1771 ebenfalls nach Straßburg kam und ſich damals enger an Goethe anſchloß.
*) Stöber Der Aktuar Salzmann. S. 20.


